Tänzerinnen mit Plastiktintenfischen

APA/ROGER TITLEY

Zeit-Ton

"Das große Orchester der Tiere" von Bernie Krause

Vom Ursprung der Musik in der Natur

Für den heutigen Zeit-Ton im Rahmen der ORF Initiative "Mutter Erde. Klima schützen, Arten schützen" begibt sich Susanna Niedermayr gemeinsam mit dem Musiker und Klang- und Naturforscher Bernie Krause auf die Suche nach dem Ursprung der Musik in der Natur, im Zentrum steht sein Buch "Das große Orchester der Tiere", das - mit vielen Klangbeispielen - eine leidenschaftliche Einladung zu einem achtsameren Hinhören ist, denn im Laufe der Jahrhunderte hätten wir Menschen verlernt, einen Zugang zu den großen akustischen Erzählungen zu finden, die in den wilden Klanglandschaften verborgen sind.

"Das klangvolle Proto-Orchester der Wildtiere - das Konzert der natürlichen Welt, aus der unsere eigene Musik hervorgegangen ist - verliert Tag für Tag an Volumen", schreibt Krauses. "Das zarte Gewebe der natürlichen Klänge wird zerrissen durch unser scheinbar grenzenloses Bedürfnis, unsere Umwelt zu erobern, statt möglichst im Einklang mit ihr zu leben."

Etwa 50 Prozent der Habitate, von denen sich Aufnahmen in einer Gesamtlänge von 4500 Stunden in Bernie Krauses Bibliothek befinden, sind inzwischen ernsthaft gefährdet, wenn nicht gar verstummt.

Nischen-Hypothese
Bernie Krause stellte die Hypothese auf, dass sich, insbesondere in den älteren und stabileren Habitaten, alle nicht menschlichen Tiere bei ihrer stimmlichen Artikulation aufeinander beziehen. Als "Nischen-Hypothese" bezeichnet er seine Entdeckung seit dem Ende der 1980er Jahre, zu diesem Begriff hatte ihn seine Kollegin Ruth Happel inspiriert. "Wie können sich diese vielen Geschöpfe gegenseitig hören, wenn sie sich alle zur selben Zeit bemerkbar machen", hätte diese in einer Diskussion einmal gefragt.

"Wenn sich Tiere verschiedener Arten über einen langen Zeitraum gemeinsam entwickelt haben, teilen sich ihre Stimmen, meist auf Reihen unbesetzter Kanäle auf", führt Krause aus. "So wird jede akustische Frequenz und jede Zeitnische durch eine bestimmte Art geprägt: Insekten bewegen sich in sehr spezifischen Bandbreiten des gesamten Spektrums, während verschiedene Vögel, Säugetiere, Amphibien und Reptilien jeweils andere Bandbreiten besetzten, auf denen das Risiko von Frequenz- oder Zeitüberlappungen geringer ist und die eigene Stimme nicht übertönt werden kann. In vielen Habitaten haben sich die Tierstimmen so entwickelt, dass sie die akustische Domäne anderer nicht stören. Im Falle einer solchen Aufteilung kann man die einzelnen Stimmen klar voneinander unterscheiden, und sie erreichen ihren größtmöglichen Nutzen. Und wenn es gelegentlich zum Konflikt kommt, werden akustische Revierstreitigkeiten manchmal durch den zeitlichen Ablauf gelöst indem zunächst ein Vogel, ein Insekt oder ein Frosch singt und die anderen erst loslegen, wenn jenes erste Exemplar aufhört."

Vom Ursprung der Musik
Das aufmerksame Hinhören und richtige Deuten all dieser vielen akustischen Informationen war für die Menschen einst überlebenswichtig. "Durch die feinen Texturen der natürlichen Klanglandschaften in extrem dichter Vegetation, wo die Sicht begrenzt ist, konnten die Menschen Beutetiere aufspüren, ihren Aufenthaltsort und ihre Wege ausmachen und Laute nachahmen, die sowohl praktische als auch symbolische Bedeutung hatten", erklärt der Natur- und Klangforscher. "Im Wald lebende Geschöpfe verstandenen diese Signale und nutzten sie, lange bevor die letzte Eiszeit zu Ende ging. Es war eine Epoche, in der natürliche Klanglandschaften ganz ähnlich ‚gelesen' wurden wie Rezepte in Kochbüchern und Strecken auf einer Landkarte."

Das methodische Denken unserer Vorfahren hätte ihre Aufmerksamkeit auf den komplexen interaktiven Prozess gelenkt, in dem Tierstimmen einen freien Kanal und ein Zeitfenster für ihre Darbietung fanden. Dieser sei dabei zur Schablone für das Arrangement unserer eigenen Klänge geworden, erzeugt mit der Stimme und frühen Instrumenten.

"Während wir aufmerksam lauschten, wandelten wir das Gehörte in Ausdrucksformen um, die unmittelbare Verbindungen mit unserer Umgebung reflektierten. Beim Nachahmen der Naturgeräusche stellten wir fest, dass fast jedes Objekt Geräusche erzeugt: Hände, die klatschen oder auf unseren Körper schlagen, Steine, Hölzer und Knochen unterschiedlicher Art und Länge, die gegeneinanderklopfen, über einen ausgehöhlten Stamm oder den Panzer eines Tieres gespannte Häute, auf die man trommelt. Man kann sich leicht vorstellen, dass wir zur Wiedergabe des Gehörten außer den ersten Schlaginstrumenten auch Luft durch hohle Hölzer oder Knochenröhren geblasen haben, um die verschiedensten Töne hervorzubringen."

Animal Music
Das zweite Buch "Animal Music. Sound and Song in the Natural World" von Tobias Fischer und Lara Cory, das wir Ihnen ebenfalls ans Herz legen möchten, beschäftigt sich mit der Frage, ob auch nicht menschliche Tiere Musik machen.

Gestaltung: Susanna Niedermayr

Service

Bernie Krause, "Das große Orchester der Tiere", Verlag Antje Kunstmann

Bernie Krause
Animal Music, Gruenrekorder

Sendereihe

Gestaltung