Gewaschene FFP2-Maske

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

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Radiokolleg - Das Virus und die Psychoanalyse

Über das Unheimliche in der Corona-Pandemie (3). Gestaltung: Katrin Mackowski

Dieses Virus, das uns weiterhin bedroht, verfolgt, mutiert und das soziale Leben entschieden verändert, dieses Virus, das scheinbar alles an sich reißt und uns auf die Geduldsprobe stellt bis hin zur Erschöpfung!
Was ist das, was ist passiert, und wie kann man es fassen?

Die Katastrophe, ein kollektives Trauma
Plötzlich wurde unsere Lebenswelt durch SARS-COV2 eine andere, und zwar weltweit. "Diese Plötzlichkeit kennzeichnet traumatisches Erleben", erklärt der Psychiater und Psychoanalytiker August Ruhs, "und wir werden erst in der Nachträglichkeit verstehen, trauern und die Krise bewältigen". Anders als bei Kriegen oder Hungerkatastrophen sind wir jedoch alle gleichermaßen betroffen: wir sitzen im selben Boot. Das ist neu, und wir alle sind überfordert, überflutet von alarmierenden Infektionszahlen, von Bildern des Todes, Mahnungen und Einschränkungen unseres ganz persönlichen Lebens. Das erzeugt auf kollektiver wie auf individueller Ebene Hilflosigkeit, vor allem aber Angst und Aggression.

Die Psychoanalyse widmet sich Abwehrmechanismen von Angst
Doch genau diese psychischen Verarbeitungsprozesse von Angst und Aggression sind zu bewältigen. Projektion(nach dem Motto "der Staat mit den Corona Maßnahmen ist schuld am Leiden der Menschen"), Intellektualisierung (übermäßiges Recherchieren von Informationen), Negation (Corona-Leugner, Verschwörungsmythen) oder Verdrängung, bieten zunächst eine Lösung, um diese Angst bis hin zur Todesangst, die unbewusst mitschwingt, zu bewältigen. Eine Todesangst, die aus dem Bewusstsein einer Gefahr entsteht, die nicht sofort erklärt, bewältigt oder gar gestoppt werden kann, aber medial angeheizt und ausgeschlachtet wird - durch wiederholte Bild-Inszenierung von Corona-Kranken auf Intensivstationen oder permanenter Corona-Berichterstattung.

Das Unheimliche, das Virus
Das Unheimliche geht um, und es ist direkt mit dem Virus assoziiert. Freuds gleichnamiger Aufsatz von 1919 wirkt darum aktueller denn je. Wir erleben etwas Rätselhaftes, das uns Angst macht. Der Psychoanalytiker August Ruhs hat diese Rätselhaftigkeit in den Blick genommen, einen Schreibwettbewerb ausgeschrieben und dabei gleich selbst phantasiert. Er vergleicht das Virus mit einem Alien und bezeichnet ihn analytisch bannend mit einem Terminus technicus, nämlich als "Partialobjekt". Als ein unheimliches Teil also, das sich "von einem Körper ablösen und in andere Körper eindringen kann", wie er sagt. Unheimlich ist auch die Tatsache, dass wir uns nicht vor einem konkreten Feind fürchten, sondern dass uns die Nähe zu Menschen ganz allgemein suspekt vorkommen kann. Da können die bewussten wie unbewussten Phantasien überschießen. Warum? Weil dieses real wie irreale oder vorgestellte Eindringen in den eigenen Körper archaische Ängste hervorrufen kann. Das Virus, das Unbewusste und die Psychoanalyse gehen in jedem Fall eine herausfordernde Beziehung ein.

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