Zwischenruf

Jamim Noraim

"Jamim Noraim" von Willy Weisz, engagiertes Mitglied der jüdischen Gemeinde in Wien

Mit dem vergangenen Neumond haben die zehn ehrfurchtsvollen Tage begonnen, die den Bogen zwischen Rosch haSchanah und Jom Kippur spannen. Rosch haSchanah ist der Beginn des jüdischen Kalenderjahres, an dem nach jüdischer Vorstellung alle Lebewesen vor G'ttes Gericht stehen, und Jom Kippur der Versöhnungstag, an dem das Urteil für das kommende Jahr besiegelt wird. In dieser Zeit versuchen wir, angerichteten Schaden zu bereinigen und uns für ungehöriges Verhalten zu entschuldigen. Mit der dadurch möglich gewordenen Aussöhnung mit den Betroffenen hoffen wir, das Urteil noch zu unseren Gunsten zu wenden. Reicht es aber, wenn wir nur unser persönliches Verhältnis zu unseren Mitmenschen bereinigen?

Ich sehe derzeit eine Gesellschaft, in der aufgrund ideologischer Gegensätze die Gräben zwischen Individuen und auch ganzen Gruppen immer tiefer werden. Wer von den Beleidigungen und Verleumdungen nicht direkt betroffen ist, schaut und hört meist weg und ignoriert die möglichen Folgen. Die Feindbilder, die aufgebaut und durch Verschwörungstheorien verstärkt werden, schüren einen grundlosen Hass, der in der Vergangenheit oftmals zu Katastrophen geführt hat, die über Generationen hinweg spürbar waren.

Das Gegenteil des Wegschauens, die Sorge um das friedliche Miteinander in unserer Gesellschaft ist so gesehen das Gebot der Stunde.
In der jüdischen Tradition hat diese Sorge um ein friedliches Miteinander einen Namen: Aaron. Er war der Bruder unseres Lehrers Moses und der erste Hohepriester des jüdischen Volks. Rabbi Hillel, der Ältere, sagte über ihn: "Gehöre zu den Schülern Aarons, der den Frieden liebt, dem Frieden nachjagt".

Wenn Aaron von Streit zwischen Eheleuten erfuhr, ging er zu ihnen, um den Hausfrieden wiederherzustellen. Auch scheinbar unüberwindliche Streitfälle zwischen zwei Menschen hielten ihn nicht davon ab, den Versuch zu wagen, zwischen ihnen zu vermitteln, wie im Streit zwischen den Kontrahenten Reuben und Simon. Zuerst ging er zu Reuben und gab vor, dass Simon bereue, dass er sich ihm gegenüber schlecht verhalten habe. Er setzte sich sodann mit Reuben zusammen, bis dieser sich seine Verbitterung von der Seele geredet hatte. Dann ging Aaron zu Simon und erzählte ihm, dass er gerade auf Reuben gestoßen sei, und dieser mit ihn über seine Scham wegen ihres Streits gesprochen hat. Das Gespräch mit Simon beendete er erst, nachdem sich auch Simon seine Verbitterung von der Seele geredet hatte. Als Reuben und Simon das nächste Mal aufeinandertrafen, konnten sie miteinander reden und einander wie Freunde behandeln.

Natürlich ergibt sich die Frage, ob der Einsatz einer Unwahrheit als Ausgangspunkt für den Versöhnungsprozess mit dem Verbot des Lügens vereinbar ist. Ich glaube, einer erfundenen Aussage, die zu einem guten Zweck eingesetzt wird, keinen Schaden anrichtet und Gutes bewirken kann, kann man wohl ohne Bedenken zustimmen, solange die genannten Voraussetzungen gegeben sind. Insbesondere, wenn das intendierte Gute wie in unserer Geschichte auch noch eintritt, heiligt der Zweck eindeutig die Mittel.

Der Einsatz des Hohepriesters Aaron im Dienste der Versöhnung der Menschen machte ihn sehr beliebt, und bei seinem Tod beweinte ihn "das ganze Haus Israel", wie der Bibeltext extra betont, nicht das Haus Israel oder die Kinder Israels, wie anlässlich des Todes von Moses steht, sondern das ganze Haus Israel.

Die Menschen zu versöhnen, ist aufwendig und oft nicht erfolgreich, aber der Dank Vieler ist dem Friedensstifter gewiss. Und auf den Segen des Ewigen kann er hoffen.
Für das noch junge jüdische Jahr 5782 wünsche ich allen "ktiwa wechatima towa", einen guten Eintrag und ein gutes Besiegeln (des Urteils des g'ttlichen Gerichts).


Sendereihe

Playlist

Komponist/Komponistin: Oscar Roberto Casares
Titel: 7 Canciones Sefaradies y Danza - für Gitarre und Streichquartett
* Nr.1 Abraham Avinu (00:01:56)
Gitarrenquintett
Ausführende: Quintetto Italiano
Ausführender/Ausführende: Edoardo Catemario /Gitarre
Ausführender/Ausführende: Michelangelo Massa /Violine
Ausführender/Ausführende: Gigia D'Alema /Violine
Ausführender/Ausführende: Piero Massa /Viola
Ausführender/Ausführende: Valeria Carnicelli /Violoncello
Länge: 01:58 min
Label: Koch Schwann 312802 H1

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