Gedanken für den Tag

Das Lied von Preis und Schleier - Die Legende des Heiligen Leopold (15.11.)
von David Weiss, Schriftsteller

Kaum etwas anderes illustriert die Bedürfnisse einer Gesellschaft und den Zeitgeist besser als die populären Held/innen-Figuren und die Werte, die diese verkörpern. Beides befindet sich im steten Wandel. Die Leinwandheldinnen und Kinohelden unserer Großelterngeneration kommen uns Spätgeborenen ja auch seltsam vor, und umgekehrt können die meisten Zwanzigjährigen heute mit den Actionhelden der 1980iger wenig bis gar nichts mehr anfangen.

Im Falle des Heiligen Leopolds zeigt diesen Prozess meiner Meinung nach am schönsten eine so genannte Berührungsreliquie des Heiligen Leopolds in der Schatzkammer des Stiftes Klosterneuburg. Es handelt sich um nicht weniger als ein identitätsstiftendes Kleidungsstück, um ein Stück blauen Seidenstoffs. Zuerst, als Krieger zu sein noch eine Tugend gewesen war, wurde dieser Stoff als Waffenrock des Heiligen Leopold identifiziert. Als die Sitten höfischer und kultivierter wurden, erkannte man darin Stoffreste des Markgrafenornates. Leopold wurde unter anderem in den 1490iger-Jahren auf dem Babenberger-Stammbaum vom Maler Hans Part nach den Vorgaben des Historikers Ladislaus Sunthaym darin dargestellt.

Von den goldfarben eingewebten Bildmotiven des Stofffragmentes ausgehend entwickelte sich das Wappen von Alt-Österreich, fünf goldene Adler auf blauem Schild. Glasscheiben aus dem 14. Jahrhundert im ehemaligen Kapitelsaal des Stiftes Klosterneuburg beweisen die Wappen-Werdung dieses Stoffmotivs. Aus Alt-Österreich wurde in der Ersten Republik Niederösterreich und aus den Adlern goldene Lerchen. Der Stoff datiert tatsächlich in das 14. Jahrhundert und weist orientalische Provenienz auf. Die darauf dargestellte Vogelart sind Papageien. Weder ein Waffenrock noch ein Markgrafenornat, sondern ein bequemer seidener Morgenrock mit Papageien und Springbrunnen, mitgebracht vom letzten Besuch auf der multiethnischen Insel Sizilien. Vielleicht wird das sogar die nächste offizielle Deutung? Wer kann das heute schon wissen. Das System lernt nur, wenn es muss. Die Menschen wachsen mit ihren Herausforderungen und mit ihnen ihre Held/innen und Heiligen.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Tilman Susato/um 1510 od. 1515 - um 1570
Album: Juwele der Renaissancemusik - Lieder und Tänze
Titel: Mon desir - Basse danse
Anderssprachiger Titel: The Gems Of Renaissance Music
Ausführende: Camerata Hungarica
Leitung: Laszlo Czidra
Länge: 01:27 min
Label: Hungaroton HCD 11720-2

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