Kinder mit Schutzmasken im Klassenzimmer

APA/HELMUT FOHRINGER

Medizin und Gesundheit

Arm und krank - Kinder und Jugendliche in der Pandemie

Jedes fünfte Kind in Österreich gilt als armutsgefährdet, rund 127.000 Kinder und Jugendliche sind, laut Armutskonferenz, sogar "manifest arm": Sie leben oft in überbelegten, zu kleinen und zum Teil desolaten Wohnungen, es mangelt keineswegs bloß an Luxus, modischer Bekleidung oder einem angesagten Smartphone, sondern am Notwendigsten. "Es gibt Kinder, die am Ende des Monats nicht ausreichend mit Essen versorgt werden können", schlägt Volkshilfe-Geschäftsführer Erich Fenninger Alarm.
Vor allem kinderreiche Familien ohne österreichische Staatsbürgerschaft oder Ein-Eltern-Haushalte sind betroffen. Die staatlichen Familienleistungen decken die Kosten für die Kinder kaum ab, wie das Sozialministerium kürzlich in der Kinderkostenanalyse festgestellt hat.

Kinderkostenstudie

Das Wifo zeigt in einer aktuellen Studie über die tatsächlichen Kosten von Kindern (übrigens die erste derartige Untersuchung seit 1964), wie prekär die Situation gerade bei Haushalten mit nur einem Elternteil ist: So kostet ein Kind einen Haushalt mit zwei Erwachsenen in Österreich pro Monat durchschnittlich 494 Euro, in einem Alleinerziehenden-Haushalt sind es 900 Euro. Mit der Anzahl der Kinder und auch deren Alter nimmt die finanzielle Belastung dramatisch zu. Die staatlichen Familienleistungen decken dies jedoch nur zum Teil ab. Vor allem Familien mit dem geringsten Einkommen profitieren am wenigsten davon. Denn durch die zunehmende Fiskalisierung vieler Familienleistungen wird Geld erst über steuerliche Begünstigungen, etwa den Familienbonus, ausgeschüttet. Mit Universalleistungen würden hingegen alle profitieren, wie Vertreter der Armutskonferenz argumentieren. Auch Sozialminister Wolfgang Mückstein lässt die Einführung einer solchen Kindergrundsicherung nun prüfen.

Armut begünstigt Krankheit

Dass Armut mit einem schlechteren Gesundheitszustand einhergeht ist bekannt. Bei Kindern zeigt sich dieser Zusammenhang noch einmal deutlicher: So haben Neugeborene meist ein geringeres Geburtsgewicht, leiden im Laufe der Kindheit öfters an Bauch- und Kopfschmerzen und sind häufiger in Unfälle verwickelt. Hinzu kommen psychische Beschwerden durch angespannte innerfamiliäre Verhältnisse. Sie erleben den täglichen Existenzkampf von Mutter oder Vater hautnah mit und fühlen sich dabei oft selbst minderwertig in einer auf Leistung ausgelegten Gesellschaft, wenn sie ihre Eltern ins Sozialreferat oder zum AMS begleiten. Bereits in jungen Jahren ist Scham über die Armut ein ständiger Begleiter. Auch höhere Schulen werden selten besucht, wodurch sich die Chancen am Arbeitsmarkt reduzieren.

Pandemie als Brandbeschleuniger für Kinderarmut

Mit der Corona-Pandemie hat sich die Situation noch verschärft. Und obwohl die Kinder in der Regel keine schwere Krankheitsverläufe haben, so müssen sie doch die Kollateralschäden der Krise tragen. Depressive Erkrankungen haben zugenommen, die Ambulanzen der Kinder- und Jugendpsychiatrien sind überlaufen. Mehr als die Hälfte der Mütter und Väter schätzen ihre Kinder jetzt trauriger ein als vor der Pandemie. Bei den Armutsbetroffenen ist in den vergangenen zwei Jahren besonders viel an Fröhlichkeit verloren gegangen.

Maßnahmen zur Bekämpfung der sozialen und armutsrelevanten Corona-Folgen

Bereits im Juni 2021 haben die EU-Sozialminister eine "Kinder-Garantie" ins Leben gerufen, die die junge Generation vor sozialer Ausgrenzung und Armut bewahren soll. In Österreich möchte man daher bis März 2022 einen nationalen Aktionsplan entwickeln. Zudem erhält das Sozialministerium zusätzlich 10 Millionen Euro, um soziale und armutsrelevanten Folgen der Pandemie abzufedern und präventive Arbeit leisten zu können.
Mit diesen Mitteln sollen vor allem Projekte zur Unterstützung von Kindern und Jugendlichen, zur Vermeidung von Obdachlosigkeit und zur Versorgungssicherheit durchgeführt werden, wie es aus dem Ministerium heißt. Auch die Familienberatungsstellen erhalten 600.000 Euro zusätzlich für die niederschwellige Betreuung betroffener Familien.

Ronny Tekal spricht mit seinen Gästen in der Weihnachtsausgabe des Radiodoktors über die Auswirkungen von 21 Monaten Pandemie auf die körperliche und psychische Gesundheit armutsgefährdeter Kinder und Jugendlicher.

Moderation: Dr. Ronny Tekal
Sendungsvorbereitung: Dr. Ronny Tekal
Redaktion: Dr. Christoph Leprich und Lydia Sprinzl, MA

Reden auch Sie mit! Wir sind gespannt auf Ihre Fragen und Anregungen. Unsere Nummer: 0800/22 69 79, kostenlos aus ganz Österreich.

Sind Sie oder Familienangehörige selbst von Armut betroffen?

Sind Sie in einer Betreuungseinrichtung, die für Kinder und Jugendliche zuständig ist, tätig?

Ist das soziale Netz hierzulande Ihrer Meinung nach ausreichend?

Auch die Ö1-Sendung "Punkt Eins" beschäftigt sich morgen, 24.12., um 13:00, mit diesem Thema

Service

Im Funkhaus Wien:

Mag.a Dr.in Caroline Culen
Klinische Psychologin
Geschäftsführerin Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit
Gerstnerstraße 3
A-1150 Wien
Tel.: +43 1 996 20 03
E-Mail
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Am Telefon:

Dr.in Katharina Kruppa
Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde, Psychotherapeutin
Leiterin des Vereins Grow Together,
Gründerin und Leiterin der Baby Care Ambulanz der Klinik Favoriten
Kundratstraße 3
A-1100 Wien
Tel.: +43/1/60191 2680
E-Mail
Homepage

Dr. Christoph Minar
Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Lehrbeauftragter Sigmund Freud Privatuniversität Wien
Ambulatorium SOS-Kinderdorf
Therapiezentrum Wien Mitte
Esteplatz 5/4
A-1030 Wien
Tel: +43 676 711 86 54
E-Mail
Homepage

Anlaufstellen und Info-Links:

Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit
Österreichische Armutskonferenz
Familienberatungsstellen Österreich
Die Möwe - Hilfe für Kinder in Not
Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde
Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie
Alarmierende Daten. Aufwachsen in einer instabilen Welt (orf.at, 2021)
Wifo-Studie zu monetären Familienleistungen (BM f. Soziales, 2021)
Europäische Garantie für Kinder (EU-Kommission, 2021)
Mückstein setzt EU-"Kindergarantie" um (news.orf.at, 2021)

Buch-Tipps:

Peter Rahn, Karl August Chassé, "Handbuch Kinderarmut", UTB 2020

Michael Klundt, "Gestohlenes Leben: Kinderarmut in Deutschland" , PapyRossa Verlag 2019

Jeremias Thiel, "Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance: Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss", Piper 2020

Jesper Juul, "Die kompetente Familie: Neue Wege in der Erziehung. Das familylab-Buch", Beltz 2017

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