Zeichnung von Winnie Pooh

AP/CHARLES KRUPA

Gedanken für den Tag

Gedanken für den Tag

"Pu der Bär - Gedanken aus dem Hundertmorgenwald" von Christian Herret, Pressesprecher der Dreikönigsaktion der katholischen Jungschar

Fünftes Kapitel
In welchem Pu der Bär krank geredet wird und warum ich, um gesund zu bleiben, ein jugendfreies und ein nicht so jugendfreies Mantra habe.
Vor 20 Jahren erlaubte sich eine britische Kinderärztin einen Scherz. Gemeinsam mit ihren Kolleg/innen veröffentlichte sie einen pseudowissenschaftlichen Artikel über die "Pathologie im Hundertsechzig-Morgen-Wald". Darin wurden Winnie Pu und seinen Freund/innen anhand ihrer Charaktere psychiatrische Krankheiten zugeschrieben. Eigentlich wollte sie sich über ihre eigene Profession lustig machen, in der Menschen diagnostiziert und somit in Schubladen gesteckt werden.

Der als Scherz gedachte Artikel verselbständigte sich und resultierte in einer Reihe von Psychotests, bei denen du herausfinden kannst, ob du so "depressiv wie I-Ah bist", oder ob du "unter ADHS wie Tigger" leidest.

Ich glaube, die britische Kinderärztin war sich gar nicht bewusst, wie sehr sie den Nerv des anbrechenden Jahrhunderts getroffen hat. Wer sich 20 Jahre später durch die sozialen Medien scrollt, findet meist nur Bilder von perfekten Menschen, niemand ist anders, niemand fällt aus der Norm. Alle sind stark, gesund, gescheit und haben Erfolg. Wer anders ist, bleibt unsichtbar oder muss eben mit einer "Diagnose" versehen werden.

Es ist ein alter Hut, dass Instagram & Co nicht die Realität widerspiegeln, aber bin ich mir dessen bewusst, während ich meine Accounts checke? Ohne dass ich es mitbekomme, wirkt es auf mein Unterbewusstsein. Steter Tropfen höhlt den Stein. So bewusst kann ich gar nicht durchs Leben gehen, dass ich dem entkomme.

Um dagegen anzukämpfen, muss ich mir wie ein Mantra die weisen Worten I-Ah's vorbeten: "Die Dinge, die mich anders machen, sind die Dinge, die mich ausmachen." Ich gebe zu, manchmal wähle ich auch die nicht so jugendfreie Version des Titels eines meiner Lieblingslieder: Fuck all the perfect people. Ich finde, das ist auch ein mehr als passendes Motto für das anbrechende Jahr.

Service

Pu der Bär. Gesamtausgabe: Enthält die Bände "Pu der Bär" und "Pu baut ein Haus". Von Alan Alexander Milne (Autor), Ernest H. Shepard (Illustrator), Harry Rowohlt (Übersetzer), Dressler; 2009.

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Chip Taylor
Titel: Fuck all the perfect people
Solist/Solistin: Chip Taylor & The new Ukrainians
Länge: 04:16 min
Label: Trainwreck Records TW043

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