Umberto Eco

AFP/FRANCOIS GUILLOT

Gedanken für den Tag

Eco über Einhörner und Gott

Im Wald der Fiktionen - Umberto Eco zum 90. Geburtstag von Brigitte Schwens-Harrant, Literaturkritikerin, Buchautorin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung "Die Furche".

"Wie würden Sie ein Zeichen definieren?" Das wurde der Semiotiker Umberto Eco in einem Interview gefragt. Er antwortete: "Ein Zeichen ist etwas, das das, was in meinem Kopf war, in den Kopf anderer Menschen bringt. Diese wunderbare Definition braucht die Realität nicht, sie ist wahr, selbst wenn die Welt nicht existiert."

Sprache ist eben nicht nur ein Etikett für Gegenstände. Sprache ermöglicht dem Menschen, Bedeutung zu erzeugen. Die Semiotik, jene Wissenschaft, die sich mit den Zeichen und Zeichensystemen befasst, interessiert sich für diesen "Prozess, der zu Bedeutung führt":

"Die Tatsache, dass ich Einhörner denken kann, ebenso wie die Tatsache, dass ich Gott denken kann oder Harry Potter, stellt einen grundlegenden Aspekt unseres Geisteslebens, unserer Kultur, unserer Moral und Ethik dar, den man nicht eliminieren darf." Sagt Eco. Der Mensch ist ein "animal fabulator", er kann über Dinge reden, die er nicht sieht, die er sich wünscht. Da kommt auch der Möglichkeitssinn des Menschen ins Spiel.

In seinem Briefwechsel mit dem Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini bittet Eco ihn 1996 zum Wohle der Diskussion "wenigstens für einen Augenblick die Hypothese zu akzeptieren, daß es Gott nicht gebe. … Daß der Mensch durch einen Irrtum des täppischen Zufalls auf der Erde erschienen sei …. Dieser Mensch würde nun, um den Mut zu finden, auf den Tod zu warten, notgedrungen ein religiöses Wesen werden, er würde sich bemühen, Erzählungen zu ersinnen, die ihm eine Erklärung und ein Modell liefern könnten, ein exemplarisches Bild. Und unter den vielen, die er sich ausdenken könnte …, hätte er in einem bestimmten Moment, die religiöse, moralische und poetische Kraft, das Modell des Christus zu konzipieren, das Modell der universalen Liebe, der Vergebung für die Feinde und des zur Rettung der anderen geopferten Lebens. Wenn ich ein Reisender aus einer fernen Galaxie wäre", so Eco weiter, "und vor einer Spezies stünde, die sich dieses Modell zu geben gewußt hat, würde ich … diese jämmerliche und niederträchtige Spezies, die so viele Greuel begangen hat, allein dadurch als erlöst betrachten, daß sie es geschafft hat, sich zu wünschen und zu glauben, dies alles sei Wahrheit."

Service

Literatur:
Carlo Maria Martini, Umberto Eco: Woran glaubt, wer nicht glaubt? Zsolnay 1998


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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Lucio Dalla
Album: THE STAR COLLECTION / LUCIO DALLA
Titel: L' anno che verra
Solist/Solistin: Lucio Dalla
Länge: 04:23 min
Label: RCA 74321181762

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