Franz Grillparzer

Josef Kriehuber - GEMEINFREI

Gedanken für den Tag

Medea und der schmale Grat zwischen Zivilisation und Barbarei

"Ich freue mich unter Ihnen zu sein ..." - Zum 150. Todestag des österreichischen Schriftstellers und Intellektuellen Franz Grillparzer
von Arno Dusini, Germanist

Eines der meistgespielten Dramen Grillparzers ist "Medea", ein Drama, das es so gar nicht gibt. Bei Grillparzer ist es der dritte Teil eines "dramatischen Gedichts", das unter dem Titel "Das goldene Vließ" die Themen von Kolonialismus, Geldgewinn und verweigertem Asyl aufgreift. An der Medea-Figur interessiert Grillparzer vor allem "die Art und Weise (…), wie sie zu der für eine neuere Anschauungsweise abscheulichen Katastrophe geführt wird". Daher der dreiteilige, weit vor Medeas Geburt zurückgehende Dramenbau. Man verfehlt Grillparzers radikal neue Sicht auf den Mythos, wenn der dritte Teil, das heißt Medea, vereinzelt wird.

"Die Nacht bricht ein, die Sterne steigen auf / Mit mildem, sanftem Licht herunterscheinend" -
so beginnt, vor der Tötung der Kinder, Medeas Monolog am griechischen Strand. Er zählt zu den gewaltigsten Monologen des abendländischen Theaters. Medea blickt auf ihr Leben: es ist der zerstörte Schauplatz einer Urgeschichte der Unterdrückung und Ausgrenzung. Und darin liegt die Modernität dieses Dramas: in der Darlegung, dass extreme Handlungen durch strukturelle Gewalt ausgelöst werden können.

Grillparzer selbst begründete die fundamentale "Tragik in diesem Stück" mit der "möglichsten Unterscheidung" zweier Kulturen, des wildfremden Kolchis vom "zivilisierten" Griechenland. Die Unterscheidung färbt alle Szenen des Dramas ein, am eklatantesten vielleicht dort, wo der Griechenfürst Medea dazu bringen will, ihre kolchische Kleidung gegen die traditionelle Kleidung seines Landes zu tauschen.

"In Kolchis sind wir nicht, in Griechenland, / Nicht unter Ungeheuern, unter Menschen!"
Wie, wo? "In Kolchis sind wir nicht - in Griechenland"? "In Kolchis sind wir - nicht in Griechenland"? Es ist nur mehr ein Komma, das hier die Unterscheidung zwischen Zivilisation und Nicht-Zivilisation macht. Und das Versmaß schlägt noch Unheimlicheres vor: in "unter Menschen" "Unter-menschen" zu hören. So leicht führt eine Rede, die sich für zivilisiert hält, ins Barbarische.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Kyrre Kvam
Gesamttitel: TATORT - GRENZFALL
Titel: Tatort Grenzfall 49
Ausführende: Kyrre Kvam
Länge: 02:54 min
Label: ORF-Enterprise Musikverlag

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