Karl Lueger, Statue

APA/ROLAND SCHLAGER

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Radiokolleg - Der umstrittene Wiener Bürgermeister Karl Lueger

Demagoge, Modernisierer, Antisemit (4).
Gestaltung: Thomas Miessgang

Karl Lueger, der von 1897 bis zu seinem Tod im Jahr 1910 Wiener Bürgermeister war, gehört zu den populärsten, gleichzeitig aber auch umstrittensten Politikern der Bundeshauptstadt. Er gilt einerseits als großer Erneuerer, der Wien durch zahlreiche Großprojekte wie die II. Wiener Hochquellenwasserleitung und die Kommunalisierung der Gas- und Elektrizitätsversorgung sowie der Straßenbahnen zu einer modernen Metropole formte, andererseits als rabiater Antisemit - und zwar unbestritten von allen politischen Fraktionen.

Lueger habe von allen Wiener Bürgermeistern auch heute noch die höchste "name recognition" hat ein Historiker einmal formuliert, gleichzeitig ist um die Gedächtniskultur, die sein Wirken in den städtischen Räumen umrankt, ein heftiger Streit entbrannt. Es geht derzeit vor allem um das Lueger-Denkmal im 1. Bezirk, auf das Aktivistinnen das Wort "Schande" gesprayt haben und das in absehbarer Zeit aufgrund einer Initiative der Wiener Stadtregierung durch eine sogenannte "künstlerische Kontextualisierung" politisch entschärft werden soll.

An Lueger hat sich somit eine grundsätzliche Debatte um den Umgang mit den städtischen Geschichtsmemorabilien entzündet: Konservative Kommentatoren sind der Meinung, man solle derartige Denkmäler als Zeugnisse der Historie, vielleicht ergänzt durch eine Erklärungstafel, stehen lassen, andere, vor allem jüngere Kritikerinnen und Kritiker wollen eine Beseitigung der Statue und eine Umbenennung des Lueger-Platzes. Wie auch immer die Sache ausgehen wird: Sie berührt Grundsätze des demokratischen Selbstverständnisses, die in Zeiten von Black Lives Matter und anderen antirassistischen Bewegungen einem fundamentalen Wandel unterliegen.

Karl Lueger ist keineswegs der einzige Politiker, dessen Wirken aus heutiger Perspektive deplorabel und fragwürdig erscheint - doch durch seine exponierte Position an der Spitze einer urbanen Modernisierungsbewegung eignet er sich besonders gut als Symbolfigur, an der sich unterschiedliche politische Haltungen entzünden. Lueger war einer der Gründer der christlich-sozialen Partei, die am Ende des 19. Jahrhunderts den im Kleinbürgertum und im niederen Klerus grassierenden Antisemitismus nutzte, um sich Stimmenmehrheiten zu sichern; er war wohl eher ein Populist und ein Opportunist als ein Judenhasser wie der zur gleichen Zeit politisch agierende Georg von Schönerer.

Das ändert jedoch nicht daran, dass der "schöne Karl", wie er vor allem von seinen Anhängern genannt wurde, den politischen Antisemitismus salonfähig gemacht hat und sowohl für Engelbert Dollfuss wie auch für Adolf Hitler ein Vorbild war. Trotzdem wiegelt John W. Boyer, der bedeutendste Lueger-Biograph in Bezug auf die Radikalität von Luegers Politik ab: "Wer gelegentliche Straßenraufereien vor Wahllokalen in Wien mit Nazi-Pogromen vergleicht, missversteht die Verhältnisse, unter denen im Wien des 19. Jahrhunderts Wahlpolitik ablief."

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