Lucio Dalla

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Radiokolleg - Das Phänomen Cantautori

Ein Land und seine Sänger (1). Gestaltung: Christina Höfferer

Sie stellte sich zur Wahl als Staatspräsidentin: Gianna Nannini, die international bekannte Cantautrice aus Siena. Nannini wurde nicht Präsidentin, und sie gehört einer Minderheit an. Cantautori, Liedermacher, Singer-Songwriter sind in Italien überwiegend Männer, heißen Paolo Conte, Lucio Dalla, Fabrizio De André oder Antonello Venditti.

Mit Textzeilen wie: "Die Landschaft bellt" schreiben sie originelle und massentaugliche Poesie, und mit ihren Melodien changieren sie zwischen Rock und Romantik.

Die Definition eines Cantautore ist einfach: "jemand, der seine eigenen Lieder singt". Doch im engeren Sinn handelt es sich um einen Künstler, der in der Lage ist, Emotionen und Stimmungen zu suggerieren. Seinen vollen Ausdruck findet das Lied, wenn sein Autor es singt und interpretiert. Der Dichter Mario Luzi fasst zusammen, dass der Liedermacher, "per Definition eine hybride Figur, traditionell vom Interpreten von Liedern unterschieden wird, weil er auch der "Dramatiker" seiner Aufführung ist; nicht nur ein "Schauspieler", nicht immer ein "Regisseur", sondern in jedem Fall eine komplexe Künstlerfigur. Es handelt sich um ein Handwerk im etymologischen Sinne des Wortes, ein Handwerk, das seine Weisheit aus einem historischen Erbe großer Tradition schöpft".

Die Tradition ist die der Cantastorie, der fahrenden Geschichtenerzähler, die von Dorf zu Dorf zogen und Lebensgeschichten, Chroniken und Legenden singend erzählten. Die Cantautori setzen diese Tradition fort, sie erzählen persönliche Geschichten, teilen das Private mit anderen und machen es öffentlich. Weitere Vorläufer sind die Bluesmen aus dem Süden der USA und die Folksänger.

Der Cantautore ist Handwerker, Freidenker und Massenphänomen; ein Mann des Spektakels und ein Souffleur von Stimmungen und Werten; ein aufmerksamer Deuter der ihn umgebenden Realität und ein sorgfältiger Manager seiner selbst; ein Künstler und ein Produkt der Plattenindustrie. Cantautori-Stars sind in Italien Zucchero, Vasco Rossi, Francesco De Gregori, Francesco Guccini, Franco Battiato, Edoardo Bennato und Ligabue. Den politischen Gehalt der Lieder repräsentieren etwa die Turiner Cantautori, wie Fausto Amodei, Sergio Liberovici, Michele Straniero und Margot. Sie ließen die Tradition der italienischen Volksmusik wieder aufleben, schufen aber auch neue Lieder, oft in Zusammenarbeit mit Intellektuellen wie Italo Calvino und Umberto Eco. Sie nahmen neue Themen in ihre Texte auf, wie den Tod bei der Arbeit - "La zolfara" 1959 - den Widerstand gegen den Krieg "Dove vola l'avvoltoio" 1961 - und die Kämpfe der Arbeiter - "Per i morti di Reggio Emilia" 1960.

Im neuen Jahrtausend treten neue Cantautori vor den Vorhang: Gianmaria Testa, Morgan, Sergio Cammariere, Vinicio Capossela, Elisa, Tiziano Ferro, Cristina Donà, Levante, Annalisa und Mahmood. Die neue Generation von Cantautori setzt oft auf Selbstvermarktung und Unabhängigkeit von Labels, wie zum Beispiel die Cantautrice Maria Antonietta.

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