Ein Kreuz vor blauem Himmel

AFP/ARIS MESSINIS

Gedanken für den Tag

JanH-einer Tück über Schuld und Versöhnung

Crux - Über die Anstößigkeit des Kreuzes. Gedanken zur Karwoche
von Jan-Heiner Tück, katholischer Theologe

Das Kreuz ist anstößig. Es zeigt Leiden, Folter und Tod - unbequeme Wirklichkeiten, die gerne an den Rand gedrängt werden. Es gibt die Erniedrigten und Beleidigten, die Misshandelten und Entrechteten, die meist im toten Winkel der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit bleiben. Ihr Leiden erhält im Zeichen des Kreuzes augenfällige Präsenz. Damit ist zugleich eine umstürzlerische Note verbunden. Das Streben der Mächtigen wird, wie Ernst Jünger schreibt, "durch den Negativstrich verneint. Durch den Querbalken wird die Senkrechte als Symbol der Macht gebrochen." Die Durchkreuzung der Vertikalen ist ein Zeichen gegen menschliche Selbstermächtigung. Daneben gibt es die andere Lesart, die in der hoch aufragenden Senkrechten einen deutlichen Fingerzeig erkennt, sich nicht in der Immanenz der Welt und ihren Zerstreuungen zu verlieren.
Das Kreuz ist anstößig. Es spricht vom dunklen Mysterium der Schuld, den Machenschaften der Täter, der Anpassungsbeflissenheit der Mitläufer, der Apathie der Zuschauer. Die eingeübten Mechanismen der Schuldabschiebung werden unterbrochen, wenn das Kreuz den Täter mit dem Abgrund der eigenen Schuld konfrontiert und ihm zumutet, wie in einem Spiegel die zerstörerischen Folgen seines Tuns anzuschauen. "Und sie werden schauen auf den, den sie durchbohrt haben", heißt es bei den Propheten. Das Kreuz beendet die Jagd nach Sündenböcken, die in den manchen Medien, aber auch in den tribunalisierten Lebenswelten heute üblich geworden ist.
Das Kreuz ist anstößig. Es spricht von Versöhnung. Die "gewaltige Gewaltlosigkeit" Jesu hat heilende Kraft, sie duldet und trägt, ohne heimzuzahlen und auszuteilen. Sie unterbricht die unheilvolle Spirale von Gewalt und Gegengewalt: "Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Die Vergebungsbereitschaft könnte ein Schlüssel zur Heilung zerrütteter Täter-Opfer-Konstellationen sein. Die heikle Frage ist ja, wie die Opfer aus der zumeist unversöhnten Haltung ihren Tätern gegenüber herausfinden können. Wäre es möglich, dass sie den Blick des Gekreuzigten übernehmen und in ihren Peinigern vergebungsbedürftige Nächste sehen? Der jüdische Literaturwissenschaftler George Steiner hat die Provokation dieser Fragen einmal so kommentiert: "Das Opfer soll seinen Peiniger lieben - eine monströse Forderung. Aber wieviel Licht bringt sie!"

Service

Kostenfreie Podcasts:
Gedanken für den Tag - XML
Gedanken für den Tag - iTunes

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach 1685 - 1750
Album: BACH: SÄMTLICHE SONATEN UND PARTITEN FÜR FLÖTE
* 11. Corrante für Violoncello piccolo in g-moll - 3.Satz (00:02:57)
Titel: Partita für Flöte solo in a-moll BWV 1013 / Bearbeitung
Solist/Solistin: Lucy van Dael
Solist/Solistin: Lucy van Dael
Solist/Solistin: Gustav Leonhardt
Solist/Solistin: Anner Bylsma
Solist/Solistin: Frans Brüggen
Länge: 02:57 min
Label: Seon Sony SB2K 60718 (2 CD)

weiteren Inhalt einblenden