Brigitte Schwens-Harrant

ORF/JOHANNES PUCH

Gedanken für den Tag

Brigitte Schwens-Harrant über E. T. A. Hoffmann: Der plötzliche Zweifel

"Meister des Unheimlichen - E. T. A. Hoffmann zum 200. Todestag" von Brigitte Schwens-Harrant, Literaturkritikerin, Buchautorin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung "Die Furche"

Der Schriftsteller E. T. A. Hoffmann, der vor 200 Jahren gestorben ist, setzte sich in seinen märchenhaften, fantastischen literarischen Werken mit seiner Zeit auseinander
Die neuzeitliche Wissenschaft hatte das bisherige Denken abgelöst, Gott als Lenker ausgedient. Es war die Hochzeit des Newtonschen Weltbildes, ein neues Denksystem mit Totalitätsanspruch.

E. T. A. Hoffmann schrieb Gegengeschichten zu diesem nun alles beherrschenden Weltbild, allerdings ging er dabei nicht theoretisch oder gar dogmatisch vor, meint der Schweizer Germanist Peter von Matt, der sich intensiv mit E. T. A. Hoffmanns Werken auseinandergesetzt hat. Hoffmann geriet nicht zum "romantischen Reaktionär", von denen es nicht nur damals viele gab, nicht zum "tobenden Aufklärungsfresser". Er erzählte. Und indem er von der Erfahrung einzelner Menschen erzählte, bekam die Totalität des Weltbildes einen Riss.
„E. T. A. Hoffmann“, so Peter von Matt, "hat nur zwei Möglichkeiten, seinen Begriff vom Menschen in Worte und Bilder zu fassen: einerseits den von weither kommenden religiös-mystischen Diskurs, den er bald ironisch, bald ekstatisch verweltlicht, andererseits den wissenschaftlich-psychopathologischen Diskurs, über den er in Verbindung tritt mit der Zukunft, mit der Psychologie und Ästhetik der Moderne. Diese beiden Diskurse schließen einander gegenseitig aus.
Genau dieses Dilemma, "das Scheitern innerhalb der zeitgenössischen Theorie", die "Kippsituation zwischen Spiritualität und Pathologie", habe Hoffmann aber ein Werk ermöglicht, das dann weit hineinwirkte in das 20. und 21. Jahrhundert.

Die fantastische Literatur beginnt nicht zufällig Mitte des 18. Jahrhundert, am Höhepunkt der klassischen Aufklärung. Mit ihr kehrt aber nicht ein alter Gespensterglaube zurück. Das Entscheidende, so Matt, bestehe "in der immer neuen Beschwörung einer einzigen Sekunde", "einer schockhaften Sekundenerfahrung - dem plötzlichen Zweifel an der wissenschaftlich gesicherten Welt.
Dieser Zweifel führt nicht zu Gegentheorien und Gegenwissenschaften", er wird nicht absolut gesetzt.
E. T. A. Hoffmann erzählt so gegen totalitäres Denken von welcher Seite auch immer.

Service

E. T. A. Hoffmann: Der goldene Topf, Verlag Reclam
Peter von Matt: Öffentliche Verehrung der Luftgeister. Reden zur Literatur, Verlag Hanser

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: E.T.A. Hoffmann 1776 - 1822
Titel: Quintett für Harfe und Streichquartett in c-moll
* Allegro - 3.Satz (00:04:30)
Harfenquintett
Solist/Solistin: Marielle Nordmann
Solist/Solistin: Gerard Jarry
Solist/Solistin: Jacques Ghestem
Solist/Solistin: Serge Collot
Solist/Solistin: Michel Tournus
Länge: 04:30 min
Label: Schwann Musica Mundi 11627

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