Aussteiger, 1967

AP/EDDIE ADAMS

Radiokolleg - Die ersten Querdenker

Zur Geschichte der Lebensreformbewegung (1)
Gestaltung: Günter Kaindlstorfer

Ob als "Wandervögel" oder militante Naturisten, als Reformkleidungs-Enthusiastinnen, Homöopathiejünger oder Rohkostapostel: Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zog die Lebensreform-Bewegung nicht nur im deutschen Sprachraum hunderttausende Menschen in ihren Bann. In den Anfängen so etwas wie ein fundamentalromantischer Protest gegen die industrielle Moderne, sind verschiedene Lebensreformbewegungen im 20. und 21. Jahrhundert in modifizierter und modernisierter Form immer wieder über die Gesellschaften des Westens hinweggerollt - von der Hippiekultur der 1960er über das "New-Age" der 1980er bis hin zur Impfgegnerszene der 2020er-Jahre. Die "Querdenker"-Bewegung - die zu Zeiten der Coronapandemie weltweit Schlagzeilen machte - ist ohne die lebensreformerischen Szenen der 1880er und 1890er-Jahre nicht denkbar.

"Politisch ist die Lebensreformbewegung von Anfang an von einer gewissen Ambivalenz geprägt", analysiert der Berliner Kulturwissenschafter Steffen Greiner, der
ein instruktives Buch zum Thema vorgelegt hat: "Die Diktatur der Wahrheit". Greiners Einschätzung: "Progressive und völkische, anarchistische und nationalistische, linke und rechte Tendenzen gehen in der Lebensreformbewegung Hand in Hand."

Es lässt sich nicht eindeutig sagen, ob die "Alternativkultur" des Fin de Siècle eine moderne oder eine reaktionäre Schlagseite hatte. In jedem Fall hieß die Devise schon damals: zurück zur Natur. Biologischer Landbau, fernöstliche Meditationstechniken, Freikörperkultur, Ausdruckstanz und tolstoianische Philosophien standen ebenso hoch im Kurs wie die unterschiedlichsten Methoden der Naturheilkunde - von bestimmten Praktiken der theosophischen Medizin bis hin zu den Kuren des bayerischen Kaltwasser-Apostels Sebastian Kneipp.

Es scheinen vor allem Krisenzeiten zu sein, in denen lebensreformerische Strömungen mit ihren kryptoreligiösen Zügen machtvolle Aufschwünge erleben. Insofern dürfte einem Comeback der Lebensreform-Bewegung in den 2020er- und 2030er-Jahren wenig im Wege stehen.

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Steffen Greiner: "Die Diktatur der Wahrheit - Eine Zeitreise zu den ersten Querdenkern", Tropen-Verlag, Stuttgart, 272 Seiten, EUR 20,60, ISBN: ISBN: 978-3-608-50017-2

Michaela Lindinger: "Sonderlinge, Außenseiter, Femmes fatales - Das ,andere' Wien um 1900", Amalthea-Verlag, Wien, 256 Seiten, EUR 9,99, ISBN: 978-3-902998-64-4.

Bernd Wedemeyer-Kolwe: "Aufbruch - Die Lebensreform in Deutschland", Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt, 208 Seiten, EUR 30,80, ISBN: 978-3-8053-5067-9

Herbert Lackner und Christoph Zielinski: "Die Medizin und ihre Feinde", Ueberreuter-Verlag, Wien, 200 Seiten, EUR 25,00, ISBN: 978-3-8000-7796-0

Thorsten Carstensen und Marcel Schmid (Hrsg): "Die Literatur der Lebensreform", transcript-Verlag, Bielefeld, 352 Seiten, EUR 39,99, ISBN: 978-3-8376-3334-4

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