Sir Andrew Davis

Sir Andrew Davis - DARIO ACOSTA

Das Ö1 Konzert

Ralph Vaughan Williams 150

150 Jahre Ralph Vaughan Williams. (I) BBC Philharmonie; Dirigent: Sir Andrew Davis. Ralph Vaughan Williams: Symphonie Nr. 4 f-Moll (aufgenommen am 19. Juli in der Royal Albert Hall, London im Rahmen der "Proms 2022) (II) Academy of St. Marin in the Fields, Dirigent: Sir Neville Marriner. Ralph Vaughan Williams: Dives and Lazarus - 5 Variationen für Streichorchester und Harfe (III) Hallé Orchestra, Dirigent: John Wilson. Ralph Vaughan Williams: Symphonie Nr. 9 (aufgenommen am 21. April in der Bridgewater Hall, Manchester). Präsentation: Peter Kislinger

Heute vor 150 Jahren wurde einer der größten Symphoniker des 20. Jahrhunderts geboren: Ralph Vaughan Williams. Für viele "vom Kontinent", wie Briten Europa gerne nennen, immer noch ein überraschender Befund. Einer seiner Biografen, Michael Kennedy, hat Vaughan Williams als "typisch englisches Phänomen - der geborene Nonkonformist mit konservativer Wertschätzung für die beste Tradition" charakterisiert. Aber Wertschätzung sei nicht unbedingt gleichbedeutend mit Verehrung, "eine entscheidende Zwiespältigkeit, mit der Vaughan Williams auf der Suche nach seiner Sprache und seiner persönlichen englischen Tradition, in die er sie einordnen konnte, zu kämpfen hatte. Die ungewöhnliche Instrumentierung und seine unkonventionelle Formensprache führen dazu, dass viele Werke außerhalb des Standardrepertoires liegen."
Für jemanden, der mit der - übrigens nur scheinbar pastoralen - Idylle von The Lark Ascending, seiner 3. Symphonie ("A Pastoral Symphony") oder der Tallis-Fantasia vertraut ist, werden die Symphonien 4 und 9 wohl verblüffende Begegnungen sein.

Von Beethoven gestiebitzt

Nach der Uraufführung seiner 4. Symphonie (1935) kommentierte Vaughan Williams, er habe "hübsche" gegen "bessere" Melodien ausgetauscht. Die schroffe Tonsprache deuteten zeitgenössische Rezensenten als Reaktion auf Erfahrungen des Komponisten im "Medical Corps" der britischen Armee im "Great War" (1914-1918) oder als Kommentar zur aktuellen Weltlage. Er selbst wollte die Symphonie als "absolute Musik" verstanden wissen. Während einer Probe zu der Symphonie gab es Rätselraten über eine Note. Vaughan Williams: "Weiß nicht, ob mir das gefallen soll, aber es ist, was ich gemeint habe." In anderer Überlieferung: "Na ja - ja, es ist ein `b`, ich weiß, ich weiß - es schaut falsch aus und es klingt falsch, aber es ist richtig." Die Bemerkung war also nicht als Kommentar zu der gesamten Symphonie gemeint, hält sich aber als solche hartnäckig in CD-Beiheften und selbst in Sendungen von Radio 3 der BBC. Formal orientierte sich der über 60-Jährige an Beethoven. So habe er etwa, so Vaughan Williams augenzwinkernd, den Übergang vom 3. zum 4. Satz aus Beethovens 5. Symphonie "gestiebitzt".


Erstaunliches Alterswerk

Wandlungsfähig und experimentierfreudig blieb Vaughan Williams bis an sein Lebensende. Seine letzte Symphonie vollendete er im Alter von 85, ein Jahr vor seinem Tod 1958. Das Werk wurde in Großbritannien nach der Uraufführung zunächst stiefmütterlich behandelt. Es galt - im Vergleich zu Benjamin Britten etwa - als altmodisch, wurde aber in den USA als Meisterwerk begrüßt, nachdem es von niemand Geringerem als Leopold Stokowski dirigiert wurde.
Der langsame Satz wurde in den österreichischen und bayerischen Alpen skizziert. 1956 hatte Vaughan Williams in Österreich oder am Königssee in Bayern das Echo eines Flügelhorns vernommen: "Das kommt in meine Symphonie". Wahrscheinlich hatte er in den 50er Jahren auch Miles Davis am Flügelhorn gehört. Im Mittelteil des Scherzo-Satzes benehmen sich drei Saxophone "wie irre Katzen", versuchen sich aber auch in einem feierlichen Choral in Terzen. Xylophon, Celesta und Harfe in der Coda - magische Instrumente für VW - bewegen sich rhythmisch aufgeregt über den Streichern. Das Ende ist ein brutales Orchester-Tutti. Das Scherzo löst sich in einer an sich selbst irre gewordenen Komödie auf. Das Schlusswort gibt der 85-Jährige der trostlosen Trommel.

Service

The Spectator

The Ralph Vaughan Williams Society

The Guardian

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Ralph Vaughan Williams / 1872 - 1958
Bearbeiter/Bearbeiterin: Paul Drayton /*1954
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: George Meredith / 1828 - 1909
Album: Colourise
Titel: The Lark Ascending - Romanze für Violine und Orchester / Bearbeitung für Violine und gemischten Chor (00:15:54; zu hören 00:01:00)
Textanfang: He rises and begins to round
Solist/Solistin: Elena Urioste / Violine
Orchester: London Choral Sinfonia
Chor: London Choral Sinfonia
Leitung: Michael Waldron
Länge: 01:00 min
Label: Orchid Classics ORC100200

Komponist/Komponistin: Ralph Vaughan Williams/1872 - 1958
Titel: Symphonie Nr.4 in f-Moll
* Allegro - 1.Satz
* Andante moderato - 2.Satz
* Scherzo, allegro molto - attaca
* Finale con epilogo fugata, allegro molto
Orchester: BBC Symphony Orchestra
Leitung: Sir Andrew Davis
Länge: 32:00 min
Label: EBU

Komponist/Komponistin: Ralph Vaughan Williams/1872 - 1958
Album: VAUGHAN WILLIAMS: ORCHESTERWERKE - Sir Neville Marriner
Titel: Dives and Lazarus - 5 Variationen für Streichorchester und Harfe
Anderssprachiger Titel: Five Variants of "Dives and Lazarus"
Orchester: Academy of St.Martin in the Fields
Leitung: Sir Neville Marriner
Länge: 11:07 min
Label: Philips 4424272

Komponist/Komponistin: Ralph Vaughan Williams/1872 - 1958
Titel: Symphonie Nr.9 in e-Moll
* Moderato maestoso - 1.Satz
* Andante sostenuto - 2.Satz
* Scherzo ( Allegro pesante ) - 3.Satz
* Andante tranquillo - 4.Satz
Orchester: Hallé Orchestra
Leitung: John Wilson
Länge: 30:00 min
Label: EBU

weiteren Inhalt einblenden