Hosea Ratschiller

ORF/HUBERT MICAN

Gedanken für den Tag

Steuergeld und Weltmeisterschaften

Hosea Ratschiller, Kabarettist und Schauspieler, über Gedanken vor dem EM-Finale

Sie müssen wissen, ich bin an allem schuld. Begonnen hat es beim gemeinsamen Fußballschauen im Freundeskreis. Unsere Mannschaft hatte hoch verloren, nein, sie wurde gedemütigt.

Und der Gegner hatte sich nicht so im Griff wie Deutschland in diesem legendären WM-Halbfinale in Belo Horizonte, als man einem Stadion voller Brasilianer jede Triumphgeste ersparte, obwohl man mit einer 5:0 Führung in die Pause ging. Nein, so großmütig war unser Gegner an diesem Abend nicht, da wurde getrickselt und getunnelt, ein No Look Pass nach dem anderen - es war wirklich gemein. Wir waren so richtig angefressen, wir alle, vor allem aber der Werner.

Da gab es kein Halten mehr. Der Werner hat sich in Rage geredet, die Welt verflucht und Gott abgeschafft, als er sich dann schon leicht beruhigt hatte, hat er der versammelten Runde vorgerechnet, wieviel Steuergeld vergeudet wird für Fußball-Weltmeisterschaften. Es habe nachweislich noch nie irgendeines von diesen Großereignissen irgendeinen nachhaltigen Nutzen für irgendeine Region gebracht. Das sei wissenschaftlich erwiesen. Das ganze Geld komme nur beim obersten Prozent an. Wie immer halt. Die stopfen sich schamlos die Taschen voll, hat der Werner dann schon mehr geschrien als gesagt.

Diese irre, korrupte, menschenverachtende Politik, hat er gebrüllt, und wir normalen Österreicher finanzieren das mit unserem Steuergeld. Er ist echt froh, dass er nix hackelt, weil sonst wär er ein Komplize von diesem Schweinesystem. Und dann hat er mich so komisch angeschaut, weil ich hatte in der Woche davor einen Kleinkunstpreis gewonnen, konnte die Niederlage gelassener sehen. Und seither bin ich an allem schuld.


Freitag, 5.7.2024
Rangnick und Antifaschismus
Ich kenne Ralf Rangnick nicht persönlich. Aber, ich würde ihn wirklich gerne einmal treffen. Weil dann könnte ich mich bei ihm bedanken. Gar nicht einmal so sehr für seine Loyalität oder dafür, dass er sein Leben dem attraktiven Fußball widmet, ich bin auch kein rentabler Kunde der Kracherlfirma, für die er lange Zeit tätig war, aber ich halte Ralf Rangnick für einen Antifaschisten, und so einen kann Österreich gerade wirklich gut brauchen. Selten hat eine öffentliche Figur in Österreich so konsequent humanistische Haltung und ehrgeiziges Selbstbewusstsein vorgelebt, wie dieser Teamchef.

Humanistische Haltung und ehrgeiziges Selbstbewusstsein, diese Kombination ist eine wichtige Voraussetzung für den antifaschistischen Grundkonsens. Hier in Österreich erleben wir Grund- und Freiheitsrechte als Selbstverständlichkeit, ihren punktuellen Entzug als Skandal. Das ist ein gutes Zeichen. Wir haben demokratische Reflexe. Aber im Kern bleibt das Land erschu?tterbar in seiner demokratischen Selbstgewissheit.

Ein großer Vordenker der liberalen Demokratie in Europa, der Journalist Sebastian Haffner, hat das Kippen Deutschlands in den Nationalsozialismus als Nervenzusammenbruch beschrieben, als Zeichen der Kernlosigkeit, als kollektives Schlappmachen aus Mangel an fester Gesinnung. Winston Churchill wurde von Haffners Analysen ermutigt, Europa noch entschlossener gegen die Hitlerei zu verteidigen. Und auch heute können wir neuen Mut fassen, wenn wir die Gewaltfantasien der Rechtsextremen als das erkennen, was sie sind, ein Ausdruck von Charakterlosigkeit. Ralf Rangnick steht für das Gegenteil. Vielen Dank.

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Playlist

Komponist/Komponistin: Tobi Bamborschke/David Specht/Simeon Cöster/Max Bauer
Titel: Ich hasse Fußballspielen
Ausführende: Isolation Berlin
Länge: 01:30 min
Label: Sony ATV

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