Zwischenruf
Weil es nicht ums Bravsein geht ...
von Matthias Geist, evangelischer Superintendent in Wien und langjähriger Gefängnisseelsorger
9. März 2025, 06:55
Heute geht es mir um die Beziehung von Männern zu Frauen. Die eine Frau, die ich nenne, sie heißt Tamar, wirkt verzweifelt und in sich gekehrt. Sie kann nicht mehr, sie wird menschlich beinahe vernichtet. Zu einem Nichts degradiert. Sie war einem Mann namens Amnon, ihrem Halbbruder ausgeliefert. Und dann kommt es zur Gewalt. Zur Vergewaltigung. Und dann: Schweigen. Verstummen. Auf beiden Seiten.
Die Bibel ist genauso knallhart wie die Realität. Im Nachklang des Internationalen Weltfrauentags am 8. März ist an vieles zu erinnern. Auch an die Gewalt. Die nicht mehr sein darf. Und die es doch immer noch gibt. Die Bibel beschönigt nichts. Dramen der Gewalt gegen Frauen, die sich seit Jahrtausenden ereignen, gibt es weiterhin. Heute heißen die Frauen Renate, Anna, Sophie
Und daher rufen und drängen immer mehr auf die Bedeutung von Frauenrechten. Es gibt noch immer Machtungleichheiten und patriarchale Muster. Missachtung und Schändung gehören zu den miesesten Praktiken, oft genug verübt von Männern an Frauen. Sie sind leider, noch immer, Täter: gewalttätig an Leib und Seele.
Ich begegne immer wieder jenen, die mir anvertraut sind, in den Gefängnissen. Auch mit ihren Gewalttaten an Männern und an Frauen. Ausdruck einer völlig verdrehten Welt- und Menschensicht. Abscheulich. Ich habe mich ihnen dennoch angenähert, Und ich habe nicht erst dort angesetzt, wo alles schon zu spät war. Es zahlt sich aus, auch bei den kleinen Zwischentönen zu beginnen. Stichwort Gewaltprävention.
Einer, Jakob, erzählte mir bei seiner zweiten Haft - wieder mit Drogen - was er bei der ersten von mir gehört hat. Ich hätte ihm gesagt: Warum sagen Sie, dass Ihre Partnerin "brav" sei. Nur weil sie dann zu Besuch kommt, wenn er es grad will. "Brav" zu sein als Mensch, als Partnerin, heißt für mich, dass jemand gefügig sein möge. Wie ein kleiner Dackel. Das hatte er sich über fünf Jahre gemerkt und erzählte mir davon, wie oft er daran gedacht hätte und nie wieder seine Freundin als "brav" bezeichnet hat. Denn sie sei "lieb" oder "Freundin", aber nicht eine gefügige Brave, die nur macht, was er will. Seine Haltung hatte sich geändert.
Immer wieder werden Frauen, die nicht "brav" sind, mit dem Tod bestraft - getötet, weil sie sich zum Beispiel trennen wollen oder getrennt haben. 2019 hat es 39 Femizide in Österreich gegeben, 2024 waren es 27. In der europäischen Statistik nimmt Österreich damit eine äußerst unrühmliche Spitzenposition ein. Und Mord ist nur die Spitze des Eisberges. In Österreich hat jede dritte Frau Erfahrung mit körperlicher bzw. sexueller Gewalt.
Jakob hat seine Partnerschaft retten können und damit auch seiner Partnerin und sich eine Gleichrangigkeit neu zugestanden. Ich denke, das ist viel. Gewalt gegen Frauen beginnt klein. Doch sie kann sehr groß werden. Was dagegen zu tun ist? Ich denke: zuallererst ungeschönt darüber zu reden. So wie auch die Bibel es tut. Darüber reden auch in den Kirchen. Nur durch Vertrauensräume und den offenen Diskurs können gemeinsam Lösungen gefunden werden.
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Frangis Ali Sade
Album: KRONOS QUARTET: NIGHT PRAYERS
Titel: Mugam sayagi
Ausführende: Kronos Quartet
Ausführender/Ausführende: David Harrington /Violine
Ausführender/Ausführende: John Sherba /Violine
Ausführender/Ausführende: Hank Dutt /Viola
Ausführender/Ausführende: Joan Jeanrenaud /Violoncello
Länge: 21:31 min
Label: Elektra Nonesuch 7559793462