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Gedanken für den Tag
Fremdheit und Bodenlosigkeit
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, zum 50. Todestag von Hannah Arendt
3. Dezember 2025, 06:57
"Fremdheit und Bodenlosigkeit, wenn man sie nur recht versteht, erleichtern es, in unserer Zeit zu leben." Diesen hellsichtigen Satz schrieb Hannah Arendt 1958 an den Philosophen Karl Jaspers, der für sie vom Mentor zum Freund geworden war. Ihre Urerfahrung der Fremdheit war ihr Judentum, und sie wollte bewusst Paria sein, nicht Parvenü - also Außenseiter, nicht Emporkömmling. In ihrer Familie herrschte der Grundsatz: "Man darf sich nicht ducken. Man muss sich wehren."
Nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo und der Flucht nach Paris arbeitete sie dort für zionistische Organisationen, vor allem zur Rettung jüdischer Kinder. Hannah Arendt trat für einen unabhängigen binationalen Staat in Palästina ein, der ein gleichberechtigtes Zusammenleben von Juden und Arabern ermöglichen sollte. Doch sie hatte damit keinen Erfolg.
Bei ihrem Jerusalem-Aufenthalt während des Eichmann-Prozesses hatte Hannah Arendt eine Begegnung mit der damaligen Außenministerin und späteren Ministerpräsidentin Israels Golda Meir, die ihr sagte: "Sie werden ja verstehen, dass ich als Sozialist nicht an Gott glaube, ich glaube an das jüdische Volk." Hannah Arendt war entsetzt. Im Vergleich dazu schien ihr der Gottesglaube großartig, und sie fragte sich: "Und jetzt glaubt dieses Volk nur noch an sich? Was soll daraus werden?"
Oft denke ich, dass Hannah Arendt viel von der späteren Situation Israels vorhergesehen hat. Vor allem aber denke ich an ihren Satz, "dass Unrecht, begangen von meinem eigenen Volk, mich selbstverständlich mehr erregt als Unrecht, das andere Völker begehen".
Der große Schock für Hannah Arendt war allerdings, als sie 1943 von Auschwitz erfuhr. Jahrzehnte danach sagte sie: "Das war wirklich, als ob sich der Abgrund öffnet. . Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden."
Service
Ursula Ludz (Hg.), "Hannah Arendt: Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk. Mit einer vollständigen Bibliographie", Piper Verlag 1996
Thomas Wild, "Hannah Arendt", Suhrkamp BasisBiographie 2006
Willi Winkler, "Hannah Arendt. Ein Leben", Rowohlt Verlag 2025
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Sendereihe
Gestaltung
Übersicht
Playlist
Komponist/Komponistin: Traditional/Katalonien
Album: Lynx
Titel: El testament d'Amèlia/instr.
Ausführende: Lofoten Cello Duo
Ausführender/Ausführende: Håvard Enstad
Ausführender/Ausführende: Carles Muñoz Camarero
Länge: 01:43 min
Label: Eigenverlag
