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Gedanken für den Tag
Hannah Arendt und die Geburtlichkeit
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, zum 50. Todestag von Hannah Arendt
5. Dezember 2025, 06:57
"Damit ein Anfang sei, ist der Mensch geschaffen." Mehrmals zitiert Hannah Arendt diesen Satz von Augustinus - für sie hat und ist jeder Mensch die Chance eines Neubeginns.
Viele Denker haben den Menschen von seiner Sterblichkeit und vom Tod her gesehen, doch für Hannah Arendt ist entscheidend, dass jeder Mensch geboren wird. So spricht sie von der Geburtlichkeit oder Natalität des Menschen. Wo Martin Heidegger von der "Geworfenheit" des Menschen in die Welt spricht, geht Hannah Arendt vom Geborensein aus.
Das hat viele Konsequenzen und ermöglicht einen neuen Blick auf die gleichen Rechte jedes Menschen. Mit jedem Menschen beginnt eine neue Welt, und diese Natalität - das Geboren-Sein - ist das Fundament einer Gleichwertigkeit, wo und wie immer ein Mensch auch aufwächst. Oft empfinde ich das, wenn ich in der Straßenbahn in die Augen eines Babys blicke.
Es mag verwundern, dass die Jüdin Hannah Arendt sich auf Augustinus beruft und noch mehr, dass sie über den Liebesbegriff bei Augustinus ihre Dissertation bei dem Philosophen Karl Jaspers geschrieben hat. Ungewöhnlich ist auch, dass sie in früher Jugend in Berlin Vorlesungen des katholischen Religionsphilosophen Romano Guardini gehört und dann in Marburg neben Philosophie und Altgriechisch auch evangelische Theologie studiert hat.
Heimisch ist Hannah Arendt, die aus einem nicht-religiösen jüdischen Elternhaus stammt, allerdings in keiner Religion geworden. 1951 schrieb sie: "Ich persönlich schlage mich recht und schlecht (und eigentlich mehr recht als schlecht) mit einer Art (kindlichen?, weil nie bezweifelten) Gottvertrauen durch (im Unterschied zum Glauben, der ja doch immer zu wissen glaubt und dadurch in Zweifel und Paradoxien gerät).
Um das Neue und Einmalige zu beschreiben, das mit jedem Menschen in die Welt kommt, greift Hannah Arendt dennoch zu einer religiösen Vorstellung: "Damit ein Anfang sei, ist der Mensch geschaffen."
Service
Ursula Ludz (Hg.), "Hannah Arendt: Ich will verstehen. Selbstauskünfte zu Leben und Werk. Mit einer vollständigen Bibliographie", Piper Verlag 1996
Thomas Wild, "Hannah Arendt", Suhrkamp BasisBiographie 2006
Willi Winkler, "Hannah Arendt. Ein Leben", Rowohlt Verlag 2025
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Sendereihe
Gestaltung
Übersicht
Playlist
Komponist/Komponistin: Egberto Gismonti geb.1947
Gesamttitel: EL VIAJE / Original Filmmusik
Titel: Triste (Cello)/instr.
Anderer Gesamttitel: LE VOYAGE
Solist/Solistin: Jaques Morelenbaum
Länge: 01:34 min
Label: Milan Sur 262579
