Alberto Giacometti, 1961

APA-IMAGES/ROGER VIOLLET/JEAN-REGIS ROUSTAN

Gedanken für den Tag

Scheitern

Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, zum 60. Todestag von Alberto Giacometti

Ein graubrauner Raum, Schichten aus Umbra, Grau und Ocker, verwischt, vermischt. Unten ragt die unbemalte Leinwand weiß hervor. Im Zentrum schält sich ein Porträt heraus: dunkel, schmal, die Augen zwischen Verschwinden und Entstehen. Die Spuren des Pinsels, die Korrekturen, das Ringen um Gestalt bleiben sichtbar.

Dieses hochformatige Ölbild Alberto Giacomettis aus dem Jahr 1957 wirkt vollendet und unfertig zugleich - es zeigt seinen Bruder Diego, mit dem er zeitlebens künstlerisch und persönlich aufs engste verbunden war.

Auch wenn Alberto Giacometti als einer der bedeutendsten Bildhauer in die Kunst der Moderne eingegangen ist, interessieren mich besonders seine Zeichnungen und Gemälde. Denn in ihnen visualisiert sich die Beziehung zu ihm nahestehenden Menschen. Etwa zu seinem Vater oder zu seiner Frau Annette. Giacometti hat Diego unzählige Male gezeichnet, gemalt oder modelliert. Dabei hat er stets bedauert, dass es ihm nie gelänge, den Bruder ganz zu erfassen.

Mich fasziniert an Giacomettis Kunst, wie sie am künstlerischen Prozess teilhaben lässt. Seine Arbeiten machen spürbar, dass Ringen und Scheitern Teil des Werks - ja, Teil des Lebens - sind. Giacometti selbst hat gesagt: "Das Scheitern ist die Voraussetzung für das Gelingen. Je mehr ich scheitere, desto eher gelingt mir etwas. Ich habe nur dann das Gefühl weiterzukommen, wenn ich nicht mehr weiterweiß".

Diese Haltung wird in den verwischten Flächen, im offenen Raum, im Porträt des Bruders sichtbar. Sie spiegelt die Erfahrung, dass Unfertiges und Scheitern zum Menschsein dazugehören: ein tastendes Suchen, ein stetiges Annähern, aus dem Lebendigkeit und das Leben selbst entstehen - oft ungerade, immer im Prozess.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Erik Satie
Vorlage: Frédéric Chopin
Album: Satie · Planes
* Nr. 2: d'edriophthalma. Sombre
Titel: Embryons desséchés. Für Klavier
Solist/Solistin: Alain Planès
Länge: 01:00 min
Label: Harmonia mundi France HMM902749 EAN: 3149020952276

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