Alberto Giacometti, 1961

APA-IMAGES/ROGER VIOLLET/JEAN-REGIS ROUSTAN

Gedanken für den Tag

Offenheit

Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, zum 60. Todestag von Alberto Giacometti

Ich kenne viele Tierplastiken, aber keine ist wie diese von Alberto Giacometti. Sie berührt mich jedes Mal zutiefst, in welchem Museum auch immer ich einen Bronzeabguss von ihr sehe.

Ein hagerer, zotteliger Hund steht im Raum, die Schnauze fast am Boden. So, als wäre er stundenlang im Regen gestreunt, jetzt nur kurz in seinem rastlosen Suchen innehaltend. Die Form ist verlängert, abstrahiert, typisch Giacometti - und dennoch spürt man den Hund in seiner Ausgeliefertheit, seinem Existenzkampf und zugleich in all seiner Lebendigkeit. Die Gestalt wirkt in ihrer Schlichtheit herzzerreißend, ohne Rührseligkeit.

Giacomettis "Hund" ist 1951 entstanden. Allerdings hatte der Bildhauer die Idee bereits lange mit sich getragen, so seine Schilderungen. Eines Nachts, auf dem Heimweg, habe er gemeint, selbst zum Hund geworden zu sein: "Der Hund war ich", so Giacometti. Im selben Augenblick habe er die Skulptur erkannt, die er dann nach einigen Wochen ausführen hat können.

In Vorbereitung auf die nächste Jahresausstellung zur Mensch-Tier-Beziehung im Dom Museum Wien interessiert mich diese Skulptur besonders. Denn sie zeigt, wie das Verhältnis von Mensch und Tier neu gedacht werden kann - weder heroisch noch rührselig, sondern dialogisch und empathisch. Der Bildhauer, einer der einflussreichsten der Moderne, hat seine eigenen Gefühle in diese Tier-Plastik gelegt: skeptisch, suchend, irgendwie ausgesetzt und zugleich ungemein dynamisch und kraftvoll.

Giacometti hat einmal gesagt: "Eine Plastik ist kein Objekt, sie ist eine Fragestellung, eine Frage, eine Antwort. Sie kann gar nicht vollendet oder perfekt sein". Dieser Hund, wie Giacomettis Werk insgesamt, öffnet Räume für Fragen und lässt das Unvollkommene wirken. Vielleicht liegt gerade in diesem Offensein eine stille Kraft, die mehr bewegt als jede fertige Antwort.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Erik Satie
Album: Satie · Planes
Titel: Gymnopédie für Klavier Nr. 1
Gesamttitel: Trois Gymnopédies
Solist/Solistin: Alain Planès
Länge: 01:00 min
Label: Harmonia mundi France HMM902749 EAN: 3149020952276

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