Alberto Giacometti, 1961

APA-IMAGES/ROGER VIOLLET/JEAN-REGIS ROUSTAN

Gedanken für den Tag

Zwischenräume

Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, zum 60. Todestag von Alberto Giacometti

Was für eine eindrucksvolle Figurengruppe aus Bronze! Modelliert und gegossen im Jahr 1950 vom Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti. Sie trägt den Titel "Der Wald" und zeigt sieben extrem schmale Figuren und eine Büste auf einer rechteckigen flachen Platte.

Jeder Körper steht für sich, keiner berührt den anderen. Ich bin gebannt von den rau modellierten Oberflächen, den reduzierten Linien. Giacometti hat dieses Skulpturenensemble aus der zufälligen Anordnung kleiner Figurinen auf seinem Atelierfußboden entwickelt, so die Schilderungen des Künstlers. Zugleich trägt die Arbeit Spuren von Kindheitserinnerungen an das Schweizer Tal Bergell: Waldecken mit dünnen, fast astlosen Stämmen, dahinter Felsen. Schon als Kind sei ihm aufgefallen, dass Bäume manchmal wie erstarrte Menschen wirken, die miteinander zu sprechen scheinen.

Besonders gefesselt bin ich von dem einzelnen Kopf inmitten der ganzfigurigen Plastiken: Steht er vielleicht für den Künstler, der beobachtend am Rand des Geschehens weilt? Mich fasziniert, dass Giacometti Figuren nie isoliert gedacht hat. Seine Plastiken leben von den Beziehungen untereinander - und vor allem aber von den Zwischenräumen. Sie machen etwas sichtbar, das mich zeitlebens interessiert, was ich aber nur schwer begrifflich fassen kann: Nämlich das, was zwischen Menschen entsteht - oder eben ausbleibt.

Oft spüre ich, wie zwischen mir und meinem Gegenüber Räume aufgehen, die Nähe oder auch Distanz tragen. Wie Verbundenheit spürbar wird, obwohl viel Abstand bleibt, und wie Einsamkeit sich zeigt, selbst wenn Menschen eng beieinanderstehen. "Der Raum existiert nicht, man muss ihn schaffen", hat Giacometti einmal gesagt. Seine Kunst spiegelt eindrucksvoll, dass in dem unsichtbaren Raum, in diesem stillen Dazwischen, die wesentlichen Momente des Zusammenseins liegen: flüchtig, verletzlich und doch spürbar.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Erik Satie
Album: Satie · Planes
Titel: Gnossienne für Klavier Nr. 1
* Lent
Gesamttitel: Six gnossiennes für Klavier
Solist/Solistin: Alain Planès
Länge: 01:00 min
Label: Harmonia mundi France HMM902749 EAN: 3149020952276

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