Alberto Giacometti, 1961

APA-IMAGES/ROGER VIOLLET/JEAN-REGIS ROUSTAN

Gedanken für den Tag

Reduktion auf das Wesentliche

Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, zum 60. Todestag von Alberto Giacometti

Nur wenige Zentimeter misst der Kopf, der auf einem doppelt gestuften Sockel steht. Die Oberfläche der modellierten und später in Bronze gegossenen Plastik ist rau, unruhig. Jeder Fingerabdruck vom Modellieren ist sichtbar.

Bei der miniaturhaften Figur handelt es sich um ein Werk eines der prägendsten Künstler der Moderne: Alberto Giacometti. Sie trägt den Titel "Kleine Büste auf Doppelsockel" und ist 1940 entstanden, inmitten der Unruhe des Zweiten Weltkriegs. Es ist kein Zufall, dass Giacometti in den Kriegsjahren seine Plastiken immer kleiner hat werden lassen. Während Hitler und seine Bildhauer nach Gigantomanie strebten, hat Giacometti bewusst reduziert, das Menschliche auf das Wesentliche destilliert. Eine Legende, ob wahr oder erfunden, erzählt, dass er 1945 einige dieser Miniaturen in Streichholzschachteln zurück nach Paris getragen habe.

Mich interessiert Giacomettis kleine Büste aus kunsthistorischer Sicht, weil sie das Verhältnis zwischen Figur und Sockel radikal neu definiert. Der Sockel ist hier keine Präsentationsunterlage, sondern er wird selbst zum zentralen Akteur, der den winzigen Menschen relativiert und zugleich erst recht ins Licht rückt. Damit denkt Giacometti mit bildhauerischen Mitteln über die Stellung des Menschen in der Welt nach - und wirkt damit erstaunlich aktuell. Eingebettet in ein größeres Ganzes, verletzlich und dennoch sich behauptend, erinnert die Mini-Figur an die Fragilität des Planeten und das aus dem Ruder geratene ökologische Gleichgewicht - eine stille Mahnung an die Verantwortung im Anthropozän.

Je älter ich werde, desto mehr bleibe ich bei dieser Arbeit hängen: Bei der Konzentration auf das Wesentliche, bei der feinen Spannung zwischen Figur und Umgebung. Und mir wird bewusst, dass nicht die Größe zählt, sondern die Aufmerksamkeit, die ich dem Wesentlichen schenke - ein Maß, das sich nicht nur in der Kunst, sondern auch im Leben zeigt.

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Claude Debussy 1862 - 1918
Gesamttitel: Preludes - 12 Stücke für Klavier, Heft 2
Titel: Bruyeres - Nr.5 aus "Preludes II" - Calme, doucement expressif
Solist/Solistin: Jean Francois Antonioli
Länge: 01:00 min
Label: Claves 508607

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