Susanne Gregor

ZSOLNAY VERLAG/HERIBERT CORN

Gedanken für den Tag

In welcher Sprache rauscht das Meer?

Susanne Gregor, Schriftstellerin, über Sprache und Wahrnehmung

Der Philosoph Vilem Flusser sagte einmal: "Angenommen, alle Leute würden überall die gleiche Sprache sprechen. Das würde voraussetzen, dass sie einander nichts Neues zu sagen hätten."

Man könnte meinen, dass Mehrsprachigkeit ein Phänomen unserer neuen, globalisierten Welt ist. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall. Es ist die Einsprachigkeit, die eine relativ neue Entwicklung ist, die im Europa des 17. Jahrhunderts anfing, Fuß zu fassen. Nach dieser Vorstellung, dieser Illusion der Einsprachigkeit, besitzen Staaten und ihre Menschen nur eine wahre Sprache und gehören so zu einer exklusiven, klar definierten Kultur. Dabei ist in jedem Land der Welt mehr als eine dominante Sprache angesiedelt, und das ist immer schon so gewesen.

Und Menschen, die die gleiche Sprache sprechen, sind nicht immer die, die einander am besten verstehen. Sprache allein garantiert kein tiefes Verständnis. Ein konkretes Beispiel hierfür bietet die jüngere Geschichte Deutschlands. Nach der Wiedervereinigung 1989 trafen zwei Landesteile aufeinander, die zwar die gleiche Sprache sprachen, aber völlig unterschiedliche Erfahrungswelten repräsentierten. Sie mussten zwar keine neue Sprache erlernen, aber das Verständnis musste dennoch hart erarbeitet werden.

Eine sogenannte "Nationalsprache" bedeutet also nicht, dass Menschen einander automatisch näherstehen oder sich ohne weiteres verstehen. Echtes Verständnis lebt viel mehr aus der gelebten Begegnung, einer grundsätzlichen Empathie und Offenheit dem anderen - vielleicht auch dem Fremden - gegenüber.

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Philip Glass geb.1937
Album: THE ESSENTIAL PHILIP GLASS
Titel: Closing
Ausführende: The Philip Glass Ensemble
Länge: 01:20 min
Label: Sony SK 64133

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