ZSOLNAY VERLAG/HERIBERT CORN
Gedanken für den Tag
Wir, mehrsprachige Kinder
Susanne Gregor, Schriftstellerin, über Sprache und Wahrnehmung
14. Jänner 2026, 06:57
Wir, mehrsprachige Kinder, sehen die Gräben, die sich durch unsere Gesellschaft ziehen. Wir kennen ihren Verlauf und ihre Beschaffenheit auswendig, wir haben Landkarten der Gräben gezeichnet und verinnerlicht. Wir sind Experten für feine Linien und beginnende Risse.
Wir sind exzellente Brückenbauer. Wir spannen Seile, legen Bretter, bauen Stege, und sind am Ende doch die einzigen, die darüber laufen. Wir hetzen von einer Seite zur anderen, wir erklären, beschreiben, übersetzen, wir erzählen Geschichten, hie und da erfinden wir ein Wort. Wir tragen große und kleine Lasten, wir hoffen, dass die Brücke hält.
Und immer rutscht uns dabei etwas aus den Händen, verschwindet in der Tiefe, und wir machen uns auf die Suche nach Ersatz. Und immer haben wir etwas vergessen, immer fehlt der eine oder andere Teil, nie ist eine unserer Sprachen vollkommen genug. In der Schule werden wir eingestuft, umgestuft, hinabgestuft, wir sind verdächtig, wir sind mangelhaft. Im Land unserer Eltern sind wir fremd geworden, die vermeintliche Muttersprache weist Lücken auf, wir haben einen Akzent, wir stolpern über Wörter, halb zugehörig, halb verloren. Weder auf der einen noch auf der anderen Seite sind wir vollständig, bei jedem Brückenlauf lassen wir eine Version unserer selbst zurück.
Wir, mehrsprachige Kinder wünschen uns oft, dass es dennoch genügen möge. Dass das, was unsere Hände tragen können, der einen Welt die andere begreiflich machen kann. Dass die einen wissen, was drüben vor sich geht und umgekehrt. Dass einer die Gräben sieht. Und unsere kleinen, wackeligen Brücken, die wir eigenhändig gebaut haben.
Service
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Philip Glass geb.1937
Komponist/Komponistin: David Byrne
Album: THE ESSENTIAL PHILIP GLASS
Titel: A gentleman's honor
Ausführende: The Philip Glass Ensemble
Länge: 03:17 min
Label: Sony SK 64133
