ZSOLNAY VERLAG/HERIBERT CORN
Gedanken für den Tag
Spielplatzdeutsch
Susanne Gregor, Schriftstellerin, über Sprache und Wahrnehmung
15. Jänner 2026, 06:57
Als meine Tochter klein war, verbrachte ich endlose Stunden auf der Parkbank am Spielplatz. Dort fiel mir immer wieder auf, wie selbstverständlich Kinder mit mehreren Sprachen umgehen. Sie mischen die Sprachen ihrer Eltern oder Elternteile mit Deutsch und den Sprachen ihrer Freunde. In ihrer Welt sind diese Sprachen gleichberechtigt; sie benutzen sie flexibel, so wie sie sie gerade brauchen, ohne dass eine "perfekt" sein muss.
Irgendwie ist in unserer Zeit die Annahme entstanden, Mehrsprachigkeit bestehe aus mehreren einzelnen Sprachen, die in sich alle vollständig sein oder perfekt beherrscht werden müssen. Das ist in der Lebensrealität vieler Menschen einfach nicht machbar.
Jedwede Sprache bis zum Muttersprachenniveau zu erlernen ist eine Herkulesaufgabe, das gilt natürlich auch für Deutsch. Und die Sprache eines Landes, in dem man nicht mehr lebt, auf Muttersprachenniveau zu halten, ist auch mit echtem Aufwand verbunden. Wenn man sich auf einer Baustelle umhört, kann man mehr Sprachen hören als auf einer UNO-Konferenz, nur kommt man hier ganz ohne Übersetzer aus. Die Menschen benutzen die Sprachen so, wie sie sie brauchen und selten so, wie es theoretisch richtig wäre. Und das ist nicht neu - im Gegenteil, das ist im Lauf der Geschichte immer schon so gewesen.
Kindern, die auf solche Art mit mehreren Sprachen aufwachsen, wird diese Mehrsprachigkeit in der Schule oft als Mangel ausgelegt, denn sie brauchen etwas länger, um mit den einsprachig aufgewachsenen Kindern und Deutsch-Muttersprachlern mitzuhalten. Dass sie das sofort bei Schuleintritt als Defizit erleben, ist für das Selbstbewusstsein dieser Kinder schwierig, denn eigentlich können sie weit mehr als ein einsprachiger Mensch. Sie haben die natürliche Fähigkeit, zwischen Welten zu wechseln und Brücken zu bauen, die unsere Gesellschaft so dringend braucht.
Service
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Philip Glass
Gesamttitel: Cinema
Titel: The poet acts/instr. /aus dem Film "The Hours"
Solist/Solistin: Alexandre Tharaud
Länge: 01:10 min
Label: PLG Classics 5054197184628 (Doppelalbum)
