ORF/ELISABETH SCHARANG
Science Arena
Armutsrisiko bei Frauen
These trifft auf Erfahrung: Schützt finanzielle Absicherung in der Ehe vor Armut?
19. Jänner 2026, 16:05
Gilt statistisch gesehen ein gemeinsamer Haushalt oder eine Ehe für Frauen als Ort finanzieller Sicherheit? Welche Auswirkung kann ökonomische Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung haben? Diesen Fragestellungen geht eine Studie nach, die neue wissenschaftliche Ansätze zur Messung eines blinden Flecks in der Armutsforschung anwendet. In These trifft auf Erfahrung diskutiert Elisabeth Scharang mit der Sozialwissenschaftlerin und Studienautorin Katrin Gasior und der Leiterin der Sozialberatung der Caritas Doris Anzengruber.
Die gängige Armutsmessung orientiert sich am Haushaltseinkommen und geht davon aus, dass Ressourcen innerhalb eines gemeinsamen Haushalts gleich verteilt werden. Die Studie von Katrin Gasior stellt diese Annahme infrage. "Auch wenn ein Haushalt nicht als arm gilt, kann eine Frau innerhalb dieses Haushalts armutsgefährdet sein", erklärt Gasior. Erst die individuelle Betrachtung mache sichtbar, wie stark Armutsrisiken mit Teilzeit, Erwerbsunterbrechungen und unbezahlter Sorgearbeit zusammenhängen.
Finanzielle Abhängigkeit und eingeschränkte Wahlfreiheit
Finanzielle Sicherheit ist nicht nur eine Frage des Einkommens, sondern auch der Verfügungsmacht darüber. "Die individuelle Einkommenssituation entscheidet mit darüber, wie viel Handlungsspielraum eine Frau im Haushalt hat und ob sie sich zum Beispiel leisten kann, eine Beziehung zu beenden und den gemeinsamen Haushalt zu verlassen", sagt Gasior. In der Sozialberatung zeigt sich diese Abhängigkeit oft erst in Krisen. Doris Anzengruber berichtet aus der Praxis: "Viele Frauen kommen zu uns, wenn eine Trennung, eine Krankheit oder ein Jobverlust die finanzielle Abhängigkeit plötzlich sichtbar macht." Bedrückend sei, wenn Frauen ihre Situation als individuelles Versagen erleben.
Strukturelle Ursachen statt individueller Schuld
Niedrige Einkommen vor allem bei frauenspezifischen Berufen, Teilzeit und ungleich aufgeteilte Care-Arbeit wirken sich direkt auf die Pension aus. "Für Männer ist Familie oft karrierefördernd, für Frauen ist sie es nicht", sagt Anzengruber. Beide Expertinnen betonen, dass Armutsgefährdung in Österreich oft individualisiert werde, obwohl sie strukturelle Ursachen habe. Welche evidenzbasierten Maßnahmen können hier gegensteuern?
Gestaltung: Elisabeth Scharang
