Sound Art: Zeit-Ton
Dialektisches Komponieren
Zeitgenössische Musik verstehen: Dietmar Hellmich erhellt zentrale und dezentrale Werke der Musikgeschichte.
2. Februar 2026, 23:03
In den 1970-er Jahren begann die Postmoderne eine stark traditionsskeptische Nachkriegsmoderne abzulösen. Historische Stile wurden etwa von der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina in einen organisch wirkenden Kosmos integriert. Einige Komponisten betrachteten diese Entwicklung zu einer gewissen postmodernen Beliebigkeit skeptisch. Als Variante der radikalen und provokativen Konzepte der frühen Avantgarden, durch die das Publikum aus seinen bürgerlichen Gewohnheiten gerissen und dazu gebracht werden sollte, sich selbst zu hinterfragen, entstand die Spielart des "kritischen" oder "dialektischen" Komponierens.
Nicolaus A. Huber reduziert in seinen "Rhythmuskompositionen" das musikalische Material auf extreme Weise, lässt zwar elementare Erfahrungen von prägnanter Rhythmik und zugespitzter Steigerung zu, zwingt aber durch seine Kompositionstechnik zur Distanz. Bei Mathias Spahlinger schlägt konsequente Zusammenhanglosigkeit dialektisch in ordnungsstiftende Kraft um. Helmut Lachenmann rückt die Klangerzeugung des Instrumentariums ins Zentrum. Elemente der Tradition sollen im Umfeld der neuartigen Geräusche als nicht mehr intaktes Zeichensystem der klassischen Musiksprache erkennbar werden. Seine Idee, dass Musik, die Folge kritischen Denkens ist, Hörerinnen und Hörer zu kritischem Denken anregt, wird inzwischen angezweifelt. So hat seine Ästhetik der "Verweigerung" auch weniger Nachhall gefunden als die neuen Klangwelten, die er den alten Instrumenten entlockte: Als prominente Beispiele dafür können die Komponistinnen Rebecca Saunders und Clara Iannotta gelten.
Sendereihe
Gestaltung
- Dietmar Hellmich
