AP/JACQUELYN MARTIN
Punkt eins
Geschichte (um)schreiben
Politik mit Geschichte: Zur Instrumentalisierung von Vergangenheit und Erinnerung. Gast: PD Dr. Ljiljana Radonic, Politikwissenschaftlerin, stellvertretende Direktorin des Instituts für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
17. Februar 2026, 13:00
Zum Zwecke der "Wiederherstellung von Wahrheit und Vernunft bezüglich der amerikanischen Geschichte" lässt US-Präsident Donald Trump mit Dekreten die US-Geschichte umdeuten. Nationalgeschichte soll nicht mehr kritisch hinterfragt werden; Sklaverei, Rassismus und Ausbeutung sollen nicht mehr thematisiert werden. Zum fünften Jahrestag des Sturms auf das Kapitol Anfang Jänner hat das Weiße Haus die Geschichtsschreibung selbst in die Hand genommen und eine eigene Website mit einer neuen und faktisch falschen Darstellung der Ereignisse veröffentlicht.
Trump ist mit seinen Bestrebungen, die Vergangenheit zum eigenen Nutzen umzuerzählen, keineswegs allein: Die PiS Partei in Polen hatte es bis zum Machtwechsel 2023 vorgemacht, hat Museen umgestalten lassen, um "die Politik der Schande" zu beenden, wie es die PiS Regierung nannte, und eine "patriotische" Geschichte des Landes zu erzählen. Mit dem "Memory Law" wurde unter Strafe gestellt, von polnischer Mitschuld am Holocaust zu sprechen. Orbans Fidesz-Regierung bearbeitet die Vergangenheitsvermittlung und Erinnerung mittels Bildungspolitik und eigenen Museen und hat die Umdeutung der Geschichte verfassungsrechtlich verankert. In Russland werden immer mehr bisher liberale Kulturstätten geschlossen, berichtete kürzlich ORF-Korrespondentin Carola Schneider: "In der heutigen Zeit will man auch nicht mehr mit den dunklen Seiten der Vergangenheit konfrontiert werden."
Wer Geschichte erzählt und damit deutet, hat Macht, sagt die Politikwissenschaftlerin Ljiljana Radonic: Macht über die Gegenwart, das Bild der Nation, die Wertvorstellungen und das Selbstverständnis einer Gesellschaft und bestimmt über gemeinsame Geschichte und Geschichten, wer "das Volk" ist und wer nicht dazugehört. Eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit, besonders verbrecherischer Vergangenheit, ist unerlässlich für ein halbwegs vernünftiges heutiges Zusammenleben, erklärt sie und betont, dass Erinnerungskultur eng mit Demokratie zusammenhängt.
Ljiljana Radonic erforscht am Institut für Kulturwissenschaften der ÖAW mit einem internationalen Team, wie sich Museen und Gedenkstätten mit Krieg, Genozid und Leid auseinandersetzen, wie Geschichts- und Erinnerungspolitik betrieben werden und welche Rolle die Wissenschaft in gesellschaftlichen Deutungsprozessen spielt. Gute Gedenkmuseen, sagt sie, erzählen auch die uneindeutige Geschichte, stellen die schwierigen Fragen, klammern Dilemmata nicht aus.
Kritische Geschichtsschreibung ist multiperspektivisch, wie sie betont, und wenn wir Geschichte lernen, lehren oder diskutieren, geht es immer auch um die Bedürfnisse der Gegenwart. "Neutral" ist dieser Prozess nie. In ihrer Forschung unterscheidet Ljiljana Radonic zwischen einem "Kampf um das Gedächtnis" und einem regelrechten "Krieg der Erinnerung".
Unterdessen beziehen immer mehr Menschen ihr Wissen aus virtuellen Welten, wo generative KI mit Fake-Fotos von Personen und Ereignissen, die nie existiert oder stattgefunden haben, Geschichte schreibt - und intensiv Politik gemacht wird. Was bedeuten diese Entwicklungen für unser kollektives Gedächtnis und Geschichtsbild?
Wie weit darf die Politik auf historische Erinnerungen Einfluss nehmen? Was passiert in der Demokratie, wenn Geschichte zunehmend politisch verhandelt wird? Wo liegt die Verantwortung von Historikerinnen und Historikern für kritische Geschichtsschreibung? Und wie lässt sich der "Kampf um das Gedächtnis" wieder beenden?
Ljiljana Radonic ist zu Gast bei Barbara Zeithammer und unsere Hörerinnen und Hörer sind wie immer herzlich eingeladen, an der Diskussion teilzunehmen: Kostenfrei aus ganz Österreich unter der Telefonnummer 0800 22 69 79 während der Sendung oder jederzeit schriftlich per E-Mail an punkteins(at)orf.at.
Service
Sendereihe
Playlist
Komponist/Komponistin: Bill Laurance & Michael League
Titel: La Marinada
Solist/Solistin: Bill Laurance & Michael League
Länge: 02:35 min
