Dürers Feldhase (Ausschnitt)

ALBERTINA WIEN

Punkt eins

Dürer: Die Ikone aller Hasen

Die Faszination für Dürers Werk zwischen Kitsch und Verehrung. Gast: Dr. Christof Metzger, Kunsthistoriker, Kurator für deutsche, österreichische und Schweizer Kunst bis 1760 an der Albertina in Wien. Moderation: Barbara Zeithammer. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at

Er scheint so lebensecht, sein Fell so weich, dass man ihn beinahe anfassen möchte, doch man muss schon ein Staatsbesuch sein, um ihn zu Gesicht zu bekommen oder Geduld beweisen, aber ab 19. Juni ist es wieder so weit: Die Wiener Albertina feiert ihr 250-jähriges Bestehen und holt dafür eines ihrer berühmtesten Werke aus dem Depot: den Feldhasen von Albrecht Dürer, heuer 524 Jahre alt, und nur sehr selten im Original zu sehen.

Präsent ist der Urahn aller Osterhasen momentan ohnehin überall, auf Karten, Servietten, Tassen, aus Schokolade, Radiergummi, Marzipan. Wer ihn kitschig nennt, tut ihm Unrecht, denn bereits kurz nach Dürers Tod 1528 war der Hase ein Renner, jede Kunstkammer wollte einen haben und er vermehrte sich dank zahlreicher Nachahmungen rasant. Auch das typische Merchandising ist keine heutige Erfindung, seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden Werke Dürers wie die Betenden Hände kreativ "verwertet", ob als Lebkuchen, Anstecknadel oder Skulptur.

Kunsthistorisch ist der Feldhase unter anderem deshalb von großer Bedeutung, weil Albrecht Dürer nichts anderes zeichnet als einen Hasen - und das in einer unerreichten Qualität und Quantität, die sein gesamtes Werk prägt, sagt Christof Metzger, seit 2011 Kurator an der Albertina in Wien und ein ausgewiesener Spezialist für die Kunst Dürers und der Dürerzeit. Die Albertina verfügt mit über 140 Werken über den weltweit bedeutendsten Bestand an Dürer-Zeichnungen und -Aquarellen, wie "Das große Rasenstück", den "Flügel einer Blauracke" oder das "Selbstbildnis als Kind", das früheste erhaltene Werk des Künstlers überhaupt und gleichzeitig die früheste bekannte Kinderzeichnung. Das Museum zeigt die Werke in seiner Onlinesammlung mit detaillierten Erklärungen online.

Christof Metzger befasst sich seit Jahrzehnten mit Dürers Werk, hat die Haare des Hasen gezählt, mehrere Bücher geschrieben, die letzte große Dürer-Ausstellung in der Albertina 2019/2020 kuratiert, Dürers Bildnotizen untersucht, ein Gesamtverzeichnis seiner Gemälde erhoben und damit auch den Kernbestand an Original-Dürer-Werken erfasst. Bei der Arbeit für das Werkverzeichnis aller bekannten Zeichnungen gelang dem Kunsthistoriker ein spannender Zufallsfund. Christof Metzger ist auch der Frage nachgegangen, warum Dürer die weltberühmten Naturstudien wie den Feldhasen oder Ikonen wie die Betenden Hände angefertigt haben könnte: In einer Zeit, in der Pflanzen oder Tiere keine Soloauftritte haben, dienen sie Dürer als Demonstrationsstücke seines meisterhaften Könnens.

Für die Faszination und Verehrung, die Dürer schon zu Lebzeiten zu Teil wurde, gibt es auch im 555. Jahr seiner Geburt zahlreiche Gründe: Seine Perfektion in verschiedensten Medien, sei es Holzschnitt, Kupferstich, Zeichnung oder Malerei, sein Einfallsreichtum, sein Können. "Dürer lotet die Grenzen dessen aus, was mit Stift und Pinsel auf Papier machbar ist. Und sein Werk ist völlig einzigartig für die Zeit des frühen 16. Jahrhunderts", sagt Christof Metzger. Dürer war auch schriftstellerisch tätig und wurde als Mathematiker geachtet; er verfasste das erste Mathematikbuch in deutscher Sprache mit relevanten neuen Erkenntnissen.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass ein großer Teil seines zeichnerischen Nachlasses seit jeher in geschlossenen Beständen erhalten ist. Es lässt sich lückenlos bis zu Dürers Tod 1528 zurückverfolgen, wie der Feldhase und andere Ikonen Dürers Kunst in die Sammlung der Albertina gelangten, die Herzog Albert von Sachsen-Teschen vor 250 Jahren gründete.

Im Gespräch mit Barbara Zeithammer gibt Christof Metzger Einblicke in Dürers Leben und Werk, seine Arbeitsweise, seine Fähigkeiten und die vielfältige Faszination für Werke, die seit über 500 Jahren zu den Ikonen der Kunst zählen.

Welches Werk Dürers, welcher Aspekt seines Schaffens fasziniert Sie und warum? Was wollten Sie schon immer über den berühmten Nürnberger Meister wissen? Reden Sie mit unter 0800 22 69 79 oder schreiben Sie ein E-Mail an punkteins(at)orf.at

Service

Albertina - 250 Jahre: Zum Jubiläum zeigt die Albertina drei Hauptausstellungen, die die Sammlung in den Mittelpunkt stellen:
"Faszination Papier" bis 22. März 2026
"Sammeln für die Zukunft" ab 19. Juli 2026
"Künstlerinnen der Albertina" ab 30. Oktober

Dürers Feldhase wird im Rahmen der Ausstellung "Sammeln für die Zukunft" gezeigt.
Jederzeit zugänglich sind die Sammlungen online.

Buchhinweis: Christof Metzger, Julia Zaunbauer, Karl Schütz: Albrecht Dürer. Sämtliche Gemälde. Ausgewählte Zeichnungen und Druckgrafiken. 798 Seiten, Taschen Verlag, Köln 2025

Sendereihe

Gestaltung

  • Barbara Zeithammer