Trump-Bronzefigur mit Mittelfinger

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Radiokolleg

Benehmt euch! Kleiner Versuch über den Sittenverfall (2)

Der Körper und die Politik

Der Körper war immer schon Teil der Politik und vor allem von deren öffentlicher Repräsentation: Von den Inszenierungen rund um Ludwig XIV. bis zu den Slim Fit-Optimierungen der Mediengegenwart. Körperinszenierungen tragen zu utopischen Entwürfen, gesellschaftlicher Normierung und Mythoskonstruktionen bei. Sie bieten Projektionsflächen für Identitätswünsche, Sehnsüchte und Ängste, die von politischen Visualisierungsstrategien mobilisiert werden können. Deshalb ist es interessant, zu beobachten, dass sich in den politischen Körperbildern eine Verwahrlosung ausbreitet, die sowohl das Vestimentäre wie auch das Physiognomische betreffen: Die MAGA-Basecap, die vom US-Präsidenten abwärts gerne in öffentlichen Situationen getragen wird, zeugt von einer gezielten Vernachlässigung, ja: Subversion gesellschaftlicher Dresscodes, die ja auch mit der Dignität des Amtes einhergehen. Der konservative Polemiker Karl Heinz Bohrer beklagte schon in den achtziger Jahren angesichts der Kanzlerschaft von Helmut Kohl einen "galoppierenden Stilverlust" im Kanzleramt, die an eine "jeder geistigen Wahrnehmung widersprechende Körperlichkeit" gekoppelt sei. Der Galopp hat sich mittlerweile noch beschleunigt: Putin mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd, der bayrische Ministerpräsident als Food Blogger mit Döner im Mund, die von jeder Impulskontrolle befreiten Pöbeleien der AFD (und anderer rechtsextremer Parteien) in den Parlamenten. Im zweiten Teil der Serie über Sitten- und Werteverfall geht es um fragwürdige Körperpolitiken und ihre Wirkmacht gegenüber dem gesellschaftlichen Diskurs und dem politischen Handeln.
Autoren: Thomas Miessgang, Christoph Winder

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