Trump-Bronzefigur mit Mittelfinger

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Benehmt euch! Kleiner Versuch über den Sittenverfall (3)

Rüpeln, Pöbeln, Granteln

Seit Corona ist es besonders evident geworden: Gute Sitten sind old school, Höflichkeit war gestern. Wenn man an das Geschrei und Vogelzeigen im Straßenverkehr denkt, vor allem im beliebten Match Auto- gegen Radfahrer, wenn man sich die Verwahrlosung der Austauschformen in den Kommentaren von social media an neuralgischen weltgeschichtlichen Punkten wie dem Gaza-Krieg vor Augen führt, dann besteht wenig Hoffnung für ein gedeihliches zukünftiges Zusammenleben verfeindeter gesellschaftlicher Subgruppierungen. Die Beleidigung hat längst das faktenbasierte Argument ersetzt. Und die physische Attacke häufig die Mühsal der langwierigen Diskussion. Die Deutsche Bahn zählte alleine im vergangenen Jahr 3342 körperliche Attacken auf ihre Mitarbeiter*innen.

Höflichkeit galt einst als Privileg des Adels, das gute Benehmen hatte mit Status zu tun. Sie war gleichermaßen Exklusions- und Inklusionsstrategie, definierte, wer ´dabei` war und wer draußen bleiben musste, war somit auch ein Instrument zur Organisation gesellschaftlicher Hierarchien. Aber das funktioniert nur, wenn ´die da unten` an regelbasierte Manieren im Elitesegment der Gesellschaft glauben, und daraus einen Wert für ihr eigenes soziales Verhalten ableiten können. Wenn aber die Herren der freien und unfreien Welt, von Trump über Bolsonaro bis Putin aus der vulgären Mißachtung von Etikette und demokratischen Stilformen eine raison d`etre machen, dann geht alles zum Teufel. Dann verwahrlost nicht nur der Umgang der Menschen miteinander, sondern auch die Politik als Steuerungselement und Ausgleichsmedium gesellschaftlicher Konfliktlagen. Dann gilt tatsächlich nur noch das Faustrecht des Stärkeren.
Autoren: Thomas Miessgang, Christoph Winder

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