Tina Walzer

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Gedanken für den Tag

200 Jahre Stadttempel zwischen Überleben und Reform

von Tina Walzer, Historikerin, Autorin und Leiterin der Redaktion der jüdischen Kulturzeitschrift DAVID

Die jüdische Gemeinde Wiens feiert heuer Jubiläum: die Gründung ihres "Stadttempels" vor 200 Jahren. Er hat als einzige Synagoge in Wien die Zerstörungen der NS-Herrschaft überlebt.

Nach zwei Vertreibungen 1420/21 und 1670 war den Wiener Jüdinnen und Juden 1826 erst zum dritten Mal erlaubt worden, ihr eigenes Gotteshaus zu errichten. Die Behörden wollten das lange nicht, sie wollten die Entwicklung eines jüdischen Gemeinwesens möglichst unterdrücken. Dahinter steht Kaiser Joseph II. mit seinen Aufklärungsideen. In seinem Toleranzpatent von 1784 hat er zwar religiöse Toleranz gegenüber Andersgläubigen propagiert, aber er hat auch darauf bestanden, dass Religion Privatsache sei.

Eine Kultusgemeinde, eine Synagoge, Eigenständigkeit - all das sollte es nicht geben, vielmehr sollten sich die Jüdinnen und Juden möglichst unauffällig in die Gesamtheit der Staatsbürger einfügen. Es war seine Vorstellung vom "idealen Staatsbürger": einfach nur dem Staat nützlich zu sein. So weit entfernt vom Mittelalter und dem Einsatz von Juden als ausnutzbaren "Kammerknechten" des Herrschenden war das neue Konzept gar nicht. Die wirkmächtigen jahrhundertealten Vorurteile über Juden und ihre Rolle gegenüber Christen schleichen sich sogar in gutgemeinte Reformen ein.

Die Wiener Jüdinnen und Juden hatten nichts dagegen, sich nützlich zu machen, aber sie haben sich trotzdem gewünscht, jüdisch zu leben und dabei auch offiziell abgesichert zu werden. Als das möglich wurde, haben sie den damaligen Wiener Star-Architekten des typischen Wiener klassizistischen Biedermeiers, Josef Kornhäusel mit dem Synagogenbau beauftragt. Er stellte ihnen einen griechischen Tempel hin, komplett mit einer himmelblauen Kuppel und goldenen Sternen. Klarer kann man das Programm der Aufklärung kaum zum Ausdruck bringen: die klassische Bildung soll den Aberglauben längst vergangener Zeiten vergessen machen. Die Einweihung fand am 9. April 1826 statt.

Service

Podcast abonnieren

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Joseph Haydn
Album: Baryton Trios. Tresaures from the Esterháza Palace 2
* 1. Satz: Più tosto Adagio
Titel: Trio für Baryton, Viola und Violoncello A-Dur, Hob XI: 6
Ausführende: Valencia Baryton Project
Länge: 01:00 min
Label: NAXOS 8.574504 EAN: 0747313450473

weiteren Inhalt einblenden