Gedanken für den Tag

200 Jahre Stadttempel zwischen Überleben und Reform

von Tina Walzer, Historikerin

Die jüdische Gemeinde Wiens feiert heuer ein Jubiläum: die Gründung ihres "Stadttempels" vor 200 Jahren. Er hat als einzige Synagoge die Zerstörungen der NS-Herrschaft überlebt. "1826 ein herausragender Verhandlungserfolg der Wiener jüdischen Gemeinde bei den sehr restriktiven Machtträgern und Verwaltungsbehörden nach zwei Vertreibungen in der Vergangenheit, markiert die anschließende Errichtung des ersten neuen Synagogengebäudes der Stadt den Beginn der bald aufblühenden Dritten Wiener jüdischen Gemeinde in der Seitenstettengasse", erklärt die Historikerin Tina Walzer.

Zu einer säkular geprägten Zeit, deren Modetrends die Abwendung von religiösem Verhalten forderten, standen die Gründerväter vor keiner einfachen Aufgabe. Mit einem charismatischen, moderaten Reformrabbiner und populären Musikdarbringungen gelang es ihnen, das schmucke neue Gotteshaus des Biedermeier-Stararchitekten Josef Kornhäusel mit ausreichend Publikum zu füllen, um die großen Ausgaben zu rechtfertigen. Ein Blick auf das Leben der Gründerväter, allen voran Michael Lazar Biedermann und Isak Löw Hofmann von Hofmannsthal, ist umso lohnender, als sich daraus das Verständnis für die gesamte weitere Entwicklung des Wiener Judentums erschließt. Das Wirken des Reformpredigers Isak Noa Mannheimer und des von ihm zum Kantor an den Stadttempel berufenen Sängers Salomon Sulzer aus Hohenems zeigt den Spielraum der religiösen Toleranz in der Gesellschaft, die sich im Zuge der Industriellen Revolution gerade radikal veränderte. Die weitere Entwicklung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und ein Ausblick angesichts der heute ähnlich radikalen gesellschaftlichen Umwälzungen wie zur Zeit der Gründung des Stadttempels vor 200 Jahren runden den Blick auf dieses Jubiläum ab.

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