CHRISTIAN HELWING
Blaue Stunde
Keine Realitätsflucht in eine idealisierte Naturaufnahme
L U F T stück der Forscherin - Ein Hörstück von Hanne Römer
30. März 2026, 21:00
Klatschen, abtauchen - die Geste des Wesens ist unmissverständlich. In den Weiten eines Habitats treibt die Forscherin sich herum, schneidet Töne aus der Landschaft, aus der Luft, aus einem Zusammenhang, formt Klicks und Bites aus den Bissen und Happen der Äste und Zweige schälenden Nager, schreibt und verschneidet Texte zu Büchern und Hörstücken, verwandelt natürliche in künstlerische Kommunikationen.
Selten sticht der Eisvogel durch Verkehrslärm. Insofern es um die dringend benötigte Luft geht, die uns noch bleiben sollte, um weiterzumachen, geht es auch um die Pause. Wo keine ist, geht es um Raum, den sie nicht hat. Namen aber, die mit einem Punkt markiert sind, sind dem System vorbehalten, diktiert eine Anweisung, über die sich die .aufzeichnensysteme der Forscherin leichtsinnig hinwegsetzen mit dem Grundsatz: Die Luft ist nicht rein. Aber sie kann dazulernen.*
Die idealisierende Naturaufnahme, resp. was noch von ihr übrig ist, erscheint dekonstruiert, sorgfältig eingebettet und narrativ aufgeladen (u. a. von Text aus DATUM PEAK) zu einer Erzählung, die fortwährend verpufft: L U F T, begriffen als Tonträger und poetisch-wesenhafte, gleichsam demokratische Größe, schließt alle/s ein und nichts aus, kämpft jedoch mit sich einmischendem, parasitären. Eine Form der künstlerischen Gegenwehr - die unter allen Bedingungen bedingungslose Konzentration auf das Schreiben, Zeichnen, Hören - lenkt den betulichen Blick in die schwelenden Abgründe einer in Wahrheit stets unvollständigen, gestörten Wirklichkeit. Der Verzicht auf Effekte rückt die aufwendige Feinarbeit einer mosaikstückartigen Montage in den Fokus, die in konzisen Sprüngen und Verschiebungen die Ambivalenz inszenierter und dokumentarischer Aufnahme verstärkt.
So radikal das 45-minütige Hörstück eine Realitätsflucht unterbindet, so kunstvoll überspannt es seine Unantastbarkeit als Kunstwerk, dessen Instrumentalisierung es mit einem teuflischen Tabu abwehrt und versiegelt: Luzifer! (= noli me tangere) schnauzt das - von unwissentlich das Aufnahmegerät angreifenden und es somit in unerwünschte Erscheinung bringenden Passanten - abrupt zur Kollision gebrachte, versehrte Hörbild. Jene umgehend seiner Fiktion einverleibend.
L U F T erscheint als Buch* im Ritter Verlag am 20. März, einzelne L U F T stücke inkl. Künstlerin am 23. März beim hör!spiel!-Festival, Alte Schmiede, .aufzeichnensysteme als Ausstellung im Literaturhaus Wien (Winter 2026 / 27).
Produktion © .aufzeichnensysteme Wien 2026 in Zusammenarbeit mit Ö1 Blaue Stunde und Hör! Spiel! Festival der Alten Schmiede Wien.
Service
.aufzeichnensysteme
L U F T
DATUM PEAK
Hörstück
Hör! Spiel!
Sendereihe
Gestaltung
- Anna Soucek
