Zeit-Ton

"Unjust Malaise" von Julius Eastman

Afroamerikanische Minimal Music. Die schillernden Welten des Julius Eastman

"Unjust Malaise", also in etwa: Ungerechte Not: Ein treffender Titel für ein Album, das 2005 auf drei CDs zum ersten und bisher einzigen Mal sechs Hauptwerke von Julius Eastman versammelt, bei denen er selbst beteiligt war.
Eastman (1940-1990) ist der vielleicht unbekannteste Künstler der Minimal Music, und dabei arbeitete er mit Größen wie Morton Feldman, war Teil der experimentellen Pop-Szene New Yorks und für einen Grammy nominiert.
Der afroamerikanische, offen schwule Komponist, Pianist, Dirigent, Sänger und Choreograf und seine kraftvolle, ebenso sarkastische wie minutiös durchgearbeitete Musik werden seit einigen Jahren wiederentdeckt. Eine Spurensuche.

1968 kam Julius Eastman mit einem Stipendium an die State University Of New York (SUNY) in Buffalo, wo er Mitglied einer Gruppe von Kunstschaffenden um Morton Feldman wurde: den Creative Associates. Zudem war er Mitbegründer der Improvisationsgruppe S.E.M. Ensemble, die Werke etwa von Muhal Richard Abrams aufführte. Für seinen Gesangspart in "Eight Songs For A Mad King" des Komponisten Peter Maxwell Davies war Eastman 1974 für einen Grammy nominiert. Außerdem arbeitete er mit Pierre Boulez und sang für Meredith Monk.

Julius Eastman war einer der ersten Schwarzen überhaupt in der Minimal Music. Flamboyant und konfrontativ wollte er nicht nur seine "Unsichtbarkeit" sichtbar zu machen, sondern auch das Selbstbewusstsein stärken und er reflektierte dies in Stücken wie "Evil Nigger", "Crazy Nigger" und "Gay Guerilla".

1976 ging er nach New York, wo er sowohl mit Komponisten der Uptown-Szene, als auch den Pop- und Underground-Künstler:innen der Downton-Szene wie Arthur Russell spielte.
Doch ab den mittleren 1980er Jahren wurde sein Leben unstetig und geriet zum freien Fall: Alkohol, Drogen, psychische Probleme.
Bei seiner Delogierung gingen Teile seines Notenarchivs verloren, es folgten Jahre der Obdachlosigkeit und er starb so unbemerkt, dass der erste Nachruf erst acht Monate später erschien, verfasst von dem Komponisten und Autor für "The Village Voice" Kyle Gann.

Seit einigen Jahren findet eine Wiederentdeckung von Julius Eastman statt, etwa wenn es um die Diskussion um afroamerikanische Kreative in der klassischen und zeitgenössischen Musik geht.
In den USA wird er besonders mit der Black Lives Matter-Bewegung in Verbindung gebracht. In Österreich haben v.a. Interpretationen des Ensembles Studio Dan stattgefunden, etwa 2022 im Rahmen des ImpulsTanz Festivals.

Grenzgänge in Kunst und Leben
In diesem Zeit-Ton hören wir in das Album "Unjust Malaise" mit bisher kaum gespielten Stücken wie das repetitive "Stay On It", einem frühen Hauptwerk Eastmans von 1973, das Improvisation und Pop-Ästhetiken verbindet. Dann zwei Stücke, die er auch dirigierte: ein Bläser-Orchester in "If You're So Smart, Why Aren't You Rich?" (1979) und eine quasi Vorwegnahme von Techno mit "The Holy Presence of Joan d'Arc" (1981) für ein zehnköpfiges Cello-Ensemble.

Zusammen mit den ausführlichen Linernotes von Kyle Gann ist "Unjust Malaise" eine der wesentlichen Veröffentlichungen zu Julius Eastman.

Ermöglicht wurde "Unjust Malaise" durch die akribische Archiv-Arbeit der Komponisten Mary Jane Leach, die diese Konzertaufnahmen zusammenstellte. Zu Eastmans Lebenszeit war keines seiner Stücke auf Tonträger erschienen.
2015 brachte Leach zusammen mit Renée Levine Packer, einer Kollegin Eastmans bei den Creative Associates, den Sammelband "Gay Guerrilla: Julius Eastman and His Music" heraus.

Service

"Unjust Malaise" (New World Rec.)

Mary Jane Leachs "Julius Eastman Project"

Mary Jane Leach, Renée Levine Packer (Hg.): "Gay Guerrilla: Julius Eastman and His Music". Boydell & Brewer, University of Rochester Press, 2015

Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Julius Eastman
Titel: Evil Nigger (1979)
Konzert Northwestern University, Evanston (IL), 16.01.1980
Album: Unjust Malaise (2005)
Ausführende: Julius Eastman, Frank Ferko, Janet, Kattas, Patricia Martin - Piano
Länge: 07:15 min
Label: New World Rec. - 80638-2

Komponist/Komponistin: Julius Eastman
Titel: Stay On It (1973)
Konzert SUNY Buffalo, 16.12.1973
Album: Unjust Malaise (2005)
Ausführende: Amrom Chodos - Klarinette
Joseph Ford - Saxofon
Doug Gaston - Saxofon
Benjamin Hudson - Violine
Dennis Kahle - Percussion
Petr Kotik - Piano
Georgia Mitoff - Stimme
Jan Williams - Percussion
Länge: 10:16 min
Label: New World Rec. - 80638-2

Komponist/Komponistin: Julius Eastman
Titel: If You're So Smart, Why Aren't You Rich? (1978)
Konzert SUNY Buffalo, 11.02.1979
Album: Unjust Malaise (2005)
Ausführende: Akram - Piano
Benjamin Hudson - Violine
Daniel Wittmer, Lori (Noody) Osgood - Horn
Charles Lirette, Philip Christner, Geoffrey Brown, Christopher Conlon - Trompete
James Kasprowicz, Thomas Miller - Posaune
Don Harry - Tuba
Michael Pugliese, Edward Folger - Glockenspiel
Paul Schmidt, Thomas Perl - Bass
Julius Eastman - Dirigent
Länge: 10:00 min
Label: New World Rec. - 80638-2

Komponist/Komponistin: Julius Eastman
Titel: Prelude to The Holy Presence of Joan d'Arc (1981)
Konzert Third Street Music Settlement (NYC), Datum ?
Album: Unjust Malaise (2005)
Ausführende: Julius Eastman - Stimme
Länge: 01:54 min
Label: New World Rec. - 80638-2

Komponist/Komponistin: Julius Eastman
Titel: The Holy Presence of Joan d'Arc (1981)
Konzert Third Street Music Settlement (NYC), Datum ?
Album: Unjust Malaise (2005)
Ausführende: Jodi Beder, Sarah Carter, Barry Gold, Julie Green, Christine Gummere, Maureen Hynes, Chase Morrison, Abby Newton, Larry Rawdon, David Sabee - Cello
Julius Eastman - Dirigent
Steve Cellum - Tontechnik
Länge: 12:01 min
Label: New World Rec. 80638-2

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