Ziegelwand mit ungarischer Fahne

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Diagonal

Fokus Ungarn: Die Orbán-Jahre

Wie wurde der EU-Musterschüler zum illiberalen Rabauken? Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hatte man in Ungarn demokratische Hoffnungen. Doch die durchaus positive Wendepolitik wich immer mehr einem offenbar unzerstörbaren rechtsautoritären Regime. Am 12. April 2026 finden in Ungarn Parlamentswahlen statt.

Wie hat Orbáns Partei FIDESZ, auch mit Hilfe rechter Influencerinnen, Medien unterjocht, die kulturellen Leuchttürme der eigenen Deutungsmacht unterstellt und die Bildungspolitik im Sinne der eigenen national-patriotischen Agenda umgekrempelt?

Lange Zeit galt der starke Mann aus Ungarn als Irrläufer in einer ansonsten solide demokratisch verfassten Nationengemeinschaft. Das hat sich geändert: Heute ist der illiberale Ansatz des Pußta-Populisten fast schon Mainstream geworden und Orbán zum Avantgardisten eines globalen Rechtsrucks avanciert, der mit Gleichgesinnten gerne und intensiv Umgang pflegt. Diese Sendung untersucht wie ein Land, mit dem sich nach der Wende durchaus demokratische Hoffnungen verknüpften, zu einem offenbar unzerstörbaren rechtsautoritären Regime entwickeln konnte.

Der kanadische Autor und Politikwissenschaftler Michael Ignatieff, der jahrelang als Rektor der aus Budapest vertriebenen Central European University CEU wirkte, erläutert die politische Geschichte und Gegenwart Ungarns. Interessantes Detail: Man könne in Budapest durchaus öffentlich Stimmung gegen Orbán machen, sagt er, wie 2025 der Rapper Majka mit einem viral gegangenen Schmähsong, ohne verhaftet zu werden. Denn die FIDESZ-Macht werde nicht durch polizeistaatliche Repression durchgesetzt, sondern durch "Mind Control" auf unterschiedlichen Kommunikations-Plateaus.

Inmitten des retropolitischen Narrativs, das auf fragwürdigen nationalen Mythen wie dem 1000-jährigen magyarischen Reich und dem "Schandvertrag" von Trianon nach dem 1.Weltkrieg fusst, - darüber spricht in der Sendung die renommierte Kommunikationswissenschaftlerin Mária Vásárhelyi - haben sich einige kulturelle Widerstandszonen eingerichtet, wie das des Posaunisten Laszlo Göz gegründete Budapest Music Center BMC, das auf hohem Niveau zwischen Jazz und Klassik navigiert und das Katona József Theater, in dem zahlreiche ehemalige Lehrende und Regisseur:innen von der renommierten und brutal liquidierten Theater- und Filmuniversität SZFE ein neues Wirkungsfeld für gesellschaftskritische Bühnenkunst gefunden haben. Darüber hinaus wird in der Sendung der Schriftsteller und Literaturkritiker Laszlo Földényi zu Wort kommen.

Victor Orbáns Macht scheint unantastbar zu sein - obwohl ihm mit dem ehemaligen Mitstreiter Peter Magyar bei den anstehenden Parlamentswahlen ein gefährlicher Herausforderer zugewachsen ist. Aber ob mit einem politischen Wechsel das Land wieder auf den liberalen Weg zurückgeführt werden kann, ist derzeit nicht einschätzbar.

Eine Sendung von Thomas Mießgang, Erich Klein und Eszter Hollósi. Recherche und Übersetzungen aus dem Ungarischen: Zsuzsanna Szalai. Regie: Roman Tschiedl, Redaktion: Peter Waldenberger

Aktualisierte Fassung einer Sendung vom 14. Juni 2025.

Service

Podcast "Diagonal gefragt" - sound.orf.at

Stefano Bottoni, "Orbán. Die Biografie", alhambra press, 2025

Petra Thorbrietz, "Wir werden Europa erobern! Ungarn, Viktor Orbán und die unterwanderte Demokratie", Antje Kunstmann, 2025

Paul Lendvai, "Orbáns Ungarn", Kremayr und Scheriau, 2021

Stephan Ozsváth, "Puszta-Populismus. Viktor Orbán - ein europäischer Störfall?", danube books, 2017

László F. Földényi, "Der lange Schatten der Guillotine", Matthes und Seitz, 2024

Mária Vásárhelyi, "Journalism in Hungary", in: "The Global Journalist in the 21st Century", Routledge, 2014

Majka - Csurran, cseppen (Musikvideo)

"A dinasztia" (Die Dynastie), Dokumentarfilm, 57 Min, 2025, Ung.m.dt.UT

Puskás Ferenc Fußball-Akademie

Haus der Musik Budapest
BMC - Budapest Music Center
Fonó Budai Zeneház

Gábor Polyák - Publikationen
International Press Institute

Sendereihe

Gestaltung

  • Thomas Mießgang

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