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Radiokolleg
In Würde altern (3)
Das Tempo reduzieren
22. April 2026, 09:05
Das Altwerden ist eine Frage des Tempos. Wenn Gespräche länger dauern, Wege bedächtiger werden oder digitale Abläufe Geduld verlangen, zeigt sich, wie rücksichtsvoll eine Gesellschaft ist. Auch im familiären Alltag finden sich die Spannungen des Älterwerdens. Nähe wird geplant, koordiniert, eingeschoben. Sie findet statt - aber sie konkurriert mit Zeitdruck, räumlicher Distanz und unterschiedlichen Lebensrhythmen. "Leihomas" und "Leihopas" füllen Betreuungslücken, begleiten Kinder zum Spielplatz, lesen vor, hören zu. Sie schaffen Verbindungen zwischen Menschen, die nicht verwandt sind - und ermöglichen damit eine Form von Verlässlichkeit, die in mobilen, beruflich stark eingebundenen Lebenswelten nicht selbstverständlich ist. Gleichzeitig bleibt der Kontakt zu den eigenen Eltern oder Großeltern nicht selten fragmentarisch: ein kurzer Besuch am Wochenende, ein Telefonat zwischen zwei Terminen, eine Videobotschaft anstelle eines Gesprächs am Wohnzimmertisch. Alter bedeutet Entschleunigung. Das kann als Zumutung erscheinen - oder als Gegenentwurf zu einer sich rasant bewegenden Gesellschaft. Zwischen organisiertem Besuch und gelebter Beziehung entscheidet sich, ob das Alter als Randthema verstanden wird, das pragmatisch gelöst werden muss - oder als Teil eines gemeinsamen Lebens, das Zeit braucht und Aufmerksamkeit verdient. Wertschätzung entsteht dort, wo Generationen einander nicht nur versorgen, sondern wahrnehmen.
Gestaltung: Barbara Matzner-Volfing
