Großvater mit Enkel bei einer Rutsche

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Radiokolleg

In Würde altern (3)

Das Tempo reduzieren

Das Altwerden ist eine Frage des Tempos. Wenn Gespräche länger dauern, Wege bedächtiger werden oder digitale Abläufe Geduld verlangen, zeigt sich, wie rücksichtsvoll eine Gesellschaft ist. Auch im familiären Alltag finden sich die Spannungen des Älterwerdens. Nähe wird geplant, koordiniert, eingeschoben. Sie findet statt - aber sie konkurriert mit Zeitdruck, räumlicher Distanz und unterschiedlichen Lebensrhythmen. "Leihomas" und "Leihopas" füllen Betreuungslücken, begleiten Kinder zum Spielplatz, lesen vor, hören zu. Sie schaffen Verbindungen zwischen Menschen, die nicht verwandt sind - und ermöglichen damit eine Form von Verlässlichkeit, die in mobilen, beruflich stark eingebundenen Lebenswelten nicht selbstverständlich ist. Gleichzeitig bleibt der Kontakt zu den eigenen Eltern oder Großeltern nicht selten fragmentarisch: ein kurzer Besuch am Wochenende, ein Telefonat zwischen zwei Terminen, eine Videobotschaft anstelle eines Gesprächs am Wohnzimmertisch. Alter bedeutet Entschleunigung. Das kann als Zumutung erscheinen - oder als Gegenentwurf zu einer sich rasant bewegenden Gesellschaft. Zwischen organisiertem Besuch und gelebter Beziehung entscheidet sich, ob das Alter als Randthema verstanden wird, das pragmatisch gelöst werden muss - oder als Teil eines gemeinsamen Lebens, das Zeit braucht und Aufmerksamkeit verdient. Wertschätzung entsteht dort, wo Generationen einander nicht nur versorgen, sondern wahrnehmen.

Gestaltung: Barbara Matzner-Volfing

Service

Radiokolleg-Podcast

Literatur:
Simone de Beauvoir: Das Alter, Rowohlt Taschenbuch

Pat Thane (Hrsg.): Das Alter - eine Kulturgeschichte, Primus

Gertrud Backes, Wolfgang Clemens: Lebensphase Alter - eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Altersforschung, Beltz Juventa

Thomas Rentsch (Hrsg.): Gutes Leben im Alter - die philosophischen Grundlagen, Reclam Taschenbuch

Michael Lehofer: Alter ist eine Illusion - wie wir uns von den Grenzen im Kopf befreien, Gräfe und Unzer

Peter Scheer: Lust aufs Alter. Unkonventionelle Gedanken über das Älterwerden, Falter Verlag

Marc Augé: Zeit ohne Alter - eine Ethnologie des Ich und des Älterwerdens, Turia und Kant

Gert Dressel, Johanna Kohn, Jessica Schnelle (Hrsg.): Erzählcafés - Einblicke in Praxis und Theorie, Beltz Juventa

Marina Kojer im Gespräch mit Gert Dressel: Palliative Geriatrie ist für mich Lebenssinn geworden, Palliative Geriatrie in der Praxis, Jubiläumsband, der Hospiz Verlag

Egon Biechl: Der Chamäleon, Mails & More

Links:
Achtsamer 8.
Erzählcafé - Zuhören und Erzählen in der Josefstadt
Ina Biechl
Plaudern in der Bücherei, Wien
Verein Sorgenetz
Projekt "Erzählen über Sorgekulturen am Lebensende (SoKuL)
Verein Wohnen ohne Alterslimit
Daniela Martos

Expert:innen dieser Radiokollegreihe:
Gert Dressel, Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien sowie beteiligt im Verein Sorgenetz und bei der Initiative "Achtsamer 8."

Katharina Heimerl, Public Health Expertin und assoziierte Professorin am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien

Franz Kolland, Soziologe Gerontologe und Leiter des Kompetenzzentrums für Gerontologie und Gesundheitsforschung in Krems

Ingrid Marth, pensionierte dipl. Gesundheits- und Krankenpflegerin

Daniela Martos, Geschäftsführerin Verein Sorgekultur und Initiatorin "Achtsamer 8."

Ursula Staudinger, Psychologin, Gerontologin und Rektorin der Technischen Universität Dresden

Ursula Wagner, Verein Wohnen ohne Alterslimit

Anna Wanka, Soziologin und Gerontologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Goethe Universität Frankfurt

Sendereihe