ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Science Arena
Kinderwunsch
These trifft auf Erfahrung: Kinderwunsch - Wenn Biologie, Gesetz und Lebensrealität auseinandergehen
4. Mai 2026, 16:05
In Österreich, genau genommen in ganz Europa, werden zu wenige Kinder geboren, derzeit 1,32 Kinder pro Frau. Dennoch bleiben die Themen Elternschaft, Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit im Privaten und der breite gesellschaftspolitische Diskurs bleibt aus. Elisabeth Scharang diskutiert in der Gesprächsreihe "These trifft auf Erfahrung" mit ihren Gästen über die Fortschritte und die Grenzen in der reproduktiven Medizin und die Folgen für Frauen, wenn die Politik nicht mit gesellschaftlichen Veränderungen Schritt hält.
Wenn es um Kinderwunsch geht, klaffen Biologie und Lebensrealität immer öfter auseinander. In Österreich werden Frauen durchschnittlich mit 31 Jahren Mütter. Und auch bei den Männern ist die Bereitschaft in ihren 20ern und Anfang 30ern Vater zu werden, begrenzt. Ausbildungen dauern länger, wirtschaftliche Sicherheit kommt oftmals später.
"Während sich Lebensrealitäten und Lebensentwürfe verändert haben, bleibt die Biologie begrenzt", sagt die Reproduktionsmedizinerin und Gynäkologin Gudrun Langer. Aus ihrer langjährigen Arbeit weiß sie, die Paare, die Hilfe in der Kinderwunschklinik suchen, werden immer älter. "Es stimmt, dass wir länger und gesünder leben als früher, aber das ändert nichts an dem biologischen Zeitfenster. Die Fruchtbarkeit nimmt ab Anfang dreißig ab und es kann mit Mitte dreißig bereits schwierig sein, schwanger zu werden. Die Medizin kann diese Entwicklung nur begrenzt auffangen."
Unerfüllter Kinderwunsch gilt als Tabu. Jedes sechste Paar ist davon betroffen.
Christina Fadler erinnert sich an die Zeit, als sie erfolglos versucht hat, schwanger zu werden. Der Begriff "Kinderwunsch" ist für sie verharmlosend und trifft nicht, was Frauen und deren Partner: innen in dieser Zeit durchmachen: "Es geht nicht um einen Wunsch, sondern um sich ständig wiederholende Schwangerschaftsverluste. Für mich starb monatlich mit dem Einsetzen der Blutung bzw. nach jedem erfolglosen Embryotransfer ein mögliches Familienmitglied, und jeder ungenutzte Zyklus verringerte die Chancen, dass es ein anderer Embryo noch schaffen könnte." Christina Fadler gründetet eine Selbsthilfegruppe und schließlich den Verein "Die Fruchtbar", in dem sich Menschen vernetzen, die von unerfülltem Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit betroffen sind. Sie erzählt, wie wichtig es ist, sich bei anderen Betroffenen auszuheulen und untereinander austauschen zu können, weil die meisten mit niemandem in ihrem Bekanntenkreis über den unerfüllten Kinderwunsch sprechen. "Viele, die sich für künstliche Befruchtung entscheidet, nehmen sich Urlaub für die Tage des Eingriffs, weil sie nicht möchten, dass es die Arbeitgeber: innen erfahren. Das ist immer noch viel Scham im Spiel."
Der Staat unterstützt mit dem IVF-Fonds Paare finanziell bei einer künstlichen Befruchtung, allerdings nur bis zum 40. Geburtstag der Frau. Frauen, die alleine und ohne Partner: in leben, dürfen sich in Österreich dieser Behandlung gar nicht unterziehen. Die sogenannte "Solomutterschaft" ist in Österreich gesetzlich verboten. Dagegen ist Astrid Wödl gemeinsam mit 19 anderen betroffenen Frauen und einem Gynäkologen letzten Oktober juristisch vorgegangen und hat ein Antrag beim Verfassungsgerichtshof eingebracht, damit der entsprechende Paragraph im Fortpflanzungsmedizingesetz aufgehoben wird. Bereits 2012 hat sich die Bioethikkommission des Bundeskanzleramts dafür ausgesprochen, den Zugang zur Fortpflanzungsmedizin für lesbische Paare und alleinstehende Frauen zu öffnen. Der Ausschluss sei "nicht begründbar, sondern beruhe auf Ideologien" heißt es in der Stellungnahme. Für gleichgeschlechtliche Paare wurde 2015 die gesetzliche Lage geändert. Für alleinstehende Frauen nicht.
Astrid Wödl musste für die Insemination mit Spendersamen mehrfach nach München reisen und die gesamten Kosten selbst tragen. Heute ist sie Solomutter eines gesunden vier Monate alten Babys. Ihr Kind wächst in einer Unterstützungsgemeinschaft aus Freund*innen und Familie auf statt in einer klassischen Kleinfamilie. Astrid Wödl erhofft sich von einem Urteil des Verfassungsgerichtshofs, dass Solomutterschaft künftig unterstützt wird und Frauen die psychische Belastung und die Diskriminierung durch die derzeitige Gesetzeslage in Österreich erspart bleibt.
Rund 25 Prozent der Millennials, der jetzt 25- bis 45-Jährigen wird kinderlos bleiben. was werden wir als Gesellschaft tun, damit sich junge Menschen wieder auf Elternschaft freuen und bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen, Kinder großzuziehen?
Gestaltung: Elisabeth Scharang
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GUDRUN LANGER
Reproduktionsmedizinerin und Leitung Regenbogenzentrum
im Kinderwunschzentrum an der Wien
CHRISTINA FADLER
Obfrau des Vereins "Die Fruchtbar"
Der Verein vernetzt Menschen, die von unerfülltem Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit betroffen sind
Webseite https://diefruchtbar.at - hier finden Sie eine ausführliche Linksammlung und
Literaturliste zu den Themen Unfruchtbarkeit, Kinderwunsch, Reproduktionsmedizin
ASTRID WÖDL, von der Gruppe der SOLOMÜTTER
auf Instagram @solomutterschaft_at
