Radiokolleg
Nostalgie - Das bessere Gestern in der Politik (2)
Retrotopia im Osten
12. Mai 2026, 09:05
Der Untergang der Sowjetunion sei die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts, meinte der russische Präsident Wladimir Putin. Er arbeitet daran, das Rad der Zeit zurückzudrehen: Im Jahr 2022 wurde in Russland eine Kampagne gestartet, um gezielt "traditionelle Werte" wie Patriotismus, Dienst am Vaterland, hohe moralische Ideale und den Familiensinn zu stärken. Parallel dazu werden in Schulen "Patriotismus-Stunden" eingeführt und Museen, die an Stalins Verbrechen erinnern, verboten. Im Einklang mit der orthodoxen Kirche wird gegen Abtreibung gewettert, und die junge russische Frau soll nicht mehr studieren, sondern am besten acht Kinder bekommen. Auch der Ministerpräsident Ungarns, Viktor Orbán, bediente eine nostalgische Rückwärtsgewandtheit in der ungarischen Bevölkerung. Während der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2011 löste ein 202 Quadratmeter großer Teppich in der Eingangshalle des EU-Ratsgebäudes in Brüssel einen veritablen Skandal aus: Das zentrale Element des Teppichs war eine historische Karte des Habsburgerreichs aus dem Jahr 1848, die das Gebiet des ungarischen Königreichs inklusive Teilen Österreichs (Burgenland), der Slowakei, Kroatien, Teilen Serbiens und Rumäniens zeigte. Die Darstellung wurde von Kritikern als nostalgische, geschichtsrevisionistische Erinnerung an die einstige Größe Großungarns gewertet. Viktor Orbán spielte immer wieder auf jene vermeintliche ideale Heimat in der Vergangenheit an, indem er sich als Freiheitskämpfer gegen die vermeintliche EU-Diktatur und für ein besseres Gestern inszenierte.
Gestaltung: Johannes Gelich
