Radiokolleg
Nostalgie - Das bessere Gestern in der Politik (3)
Die Welt von gestern - Strategien für morgen
13. Mai 2026, 09:05
In einem 2016 erschienen Artikel beklagte der ehemaligen NATO-Generalsekretär Javier Solana Europas gefährliche Tendenz zur Nostalgie. Die Sehnsucht nach der guten alten Zeit führe nicht nur zum Aufstieg nationalistischer Parteien, sondern bringe die Gefahr mit sich, den Problemen von Heute mit Lösungen von Gestern beikommen zu wollen. Der Soziologe Ulrich Beck hat das zugrundeliegende Problem schon vor Jahren beschrieben. Seine Diagnose ist gleichzeitig ein Appell, die Welt von morgen willkommen zu heißen: "Unser kosmopolitisches Bewusstsein ist meilenweit hinter den schon längst kosmopolitischen Realitäten unseres heutigen Lebens zurückgeblieben."
Viele Experten werfen der gegenwärtigen EU-Politik denn auch vor, kein tragfähiges emotional besetztes Zukunftsnarrativ (mehr) anbieten zu können. Zu lange ist man davon ausgegangen, die Bürger würden ihre Wahlentscheidungen aufgrund von rationalen oder ökonomischen Gesichtspunkten treffen. Doch wie schon der Politikwissenschafter Samuel P. Huntington analysierte, geht es beim Wahlverhalten der Bevölkerung immer auch um Zugehörigkeit und Identität. Auch progressive demokratische Kräfte setzen im Kampf gegen nostalgische und rückwärtsgewandte politische Konzepte deswegen vermehrt auf emotionale, identitätsstiftende Narrative.
Gestaltung: Johannes Gelich
