Radiokolleg
Elementarpädagogik - wie wir unsere Chancen für die Zukunft vergeben (1)
Überfordert von Anfang an
8. Juni 2026, 09:30
In Österreich gibt es rund 4.700 Kindergärten mit knapp 240.000 Kindern. Mehr als 90 Prozent der Kinder bis zum Alter von 5 Jahren besuchen bundesweit einen Kindergarten. Für die Kinder und die Gesellschaft ist das eine große Chance, denn je früher Entwicklungsstörungen und Defizite erkannt werden, desto rascher, nachhaltiger und kostengünstiger können sie behoben werden. Doch in Österreich wird, im Gegensatz zu anderen Ländern, dieser umfassende gesellschaftspolitische Ansatz weitgehend ignoriert.
Trotz sinkender Geburtenraten ist Österreich seit dem Jahr 2000 um etwa 1,2 Millionen Menschen gewachsen. Das Bevölkerungswachstum resultiert also ausschließlich aus Zuwanderung. Vor allem in den Kindergärten führt diese Entwicklung zu einem Problem. So haben über 60 Prozent der Wiener Kinder bis zum sechsten Lebensjahr eine andere Muttersprache als Deutsch, österreichweit sind es etwa 30 Prozent. Durch den hohen Anteil fremdsprachiger Kinder ist ein niederschwelliger deutscher Spracherwerb in vielen elementarpädagogischen Einrichtungen nicht mehr möglich. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Kinder mit traumatischen Kriegs-, Flucht- und Lagererfahrungen Kindergärten besuchen. Angestiegen sind in den vergangenen Jahren auch psychische und physische Beeinträchtigen sowie Entwicklungsstörungen. Aufgefangen werden sollen die neuen Herausforderungen nicht nur von Kindergartenpädagoginnen und ihren Assistentinnen, sondern auch von Sprachpädagogen, Psychologinnen, Entwicklungsfördererinnen, Ergotherapeuten und Sozialarbeitern - doch von allen gibt es zu wenige. Denn die Kindergärten stehen in einem direkten Konkurrenzverhältnis zu den Grundschulen, statt 6 Wochen Urlaub, wie im Kindergarten, haben Lehrkräfte 13 Wochen Schulferien und statt knapp 40 Wochenstunden in einer überfüllten Kindergartengruppe mit schreienden und weinenden Kindern umfasst die Lehrverpflichtung in der Volksschule nur 22 Stunden pro Woche. Die ständige Überforderung durch den grassierenden Personalmangel, die vergleichsweise schlechte Bezahlung und das niedere Sozialprestige drängt viele ausgebildete Elementarpädagoginnen und Pädagogen aus dem Beruf.
Gestaltung: Andreas Wolf
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