Zwischenruf
Der Rufer in der Wüste und seine Aktualität
von Jutta Henner, Direktorin der österreichischen Bibelgesellschaft
21. Juni 2026, 06:55
Heute ist der Tag der Sommersonnenwende, der längste Tag und die kürzeste Nacht des Jahres. Die Tage werden ab heute wieder kürzer und die Nächte länger. Feste und Sonnwendfeuer begleiten diesen Tag.
Wenige Tage danach erinnern christliche Kirchen an Johannes den Täufer. Am 24. Juni wird der Johannistag gefeiert, der symbolische Tag der Geburt des Täufers. In der Bibel erzählt das Lukasevangelium von seiner Geburt und von seinen Eltern Zacharias und Elisabeth, wobei letztere mit Maria, der Mutter Jesu, verwandt gewesen sein soll. Sechs Monate vor Jesus wird Johannes der Täufer, so die Bibel, geboren.
Bemerkenswerter jedoch als die Geburt Johannes des Täufers ist - jedenfalls meiner Meinung nach - sein späteres prophetisches Auftreten, das so viele Menschen seiner Zeit in seinen Bann zog und zum Nachdenken brachte, Johannes jedoch bald für die Mächtigen unbequem machte. Johannes dem Täufer ging es darum, dass Religion und Glauben, wenn sie den Anspruch der Glaubwürdigkeit erheben, das gesamte Leben prägen sollen. So weiß die Bibel von seinem zeichenhaft bescheidenen Lebensstil in der Wüste, von seinem rauen Gewand und von seinem ungewöhnlichen Speiseplan - Heuschrecken und wilder Honig - zu erzählen.
Er muss eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein. Wie sonst ließe es sich erklären, dass unzählige Menschen sich aufmachten, seine Predigt zu hören, die zu einer radikalen Änderung des Lebensstils aufforderte? Und um sich zeichenhaft von ihm im Jordan untertauchen zu lassen, um selbst die Beziehung zu Gott und den Mitmenschen neu zu ordnen? Auch Jesus aus Nazareth ging in die Wüste zu Johannes, der über Jesus sagen sollte: "Seine Bedeutung wird zunehmen, aber meine wird abnehmen." (Joh 3,30; BasisBibel).
Johannes der Täufer steht für mich jedenfalls dafür, dass Religion eben nicht nur Privatsache ist, sondern dass Glaube immer auch eine ethische und eine gesellschaftspolitische Dimension hat. Fragen seiner Zeit beantwortete der Täufer zeitlos gültig: "Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat. Wer etwas zu essen hat, soll auf gleiche Weise handeln." (Lk 3,11). Er wandte sich gegen jede finanzielle Bereicherung auf dem Rücken anderer und gegen Gewaltausübung und Plünderungen durch Soldaten. Als echter Prophet sagte Johannes der Täufer unerschrocken, was er zu sagen hatte und wozu er sich von Gott berufen wusste. Auch davor, sich mit den Mächtigen anzulegen, schreckte er nicht zurück. Seine Kritik an König Herodes Antipas brachte Johannes den Täufer in Haft; schließlich musste er für seine Unerschrockenheit mit dem Leben bezahlen: Die Bibel erzählt davon, dass er enthauptet worden sei.
Die Erinnerung an Johannes den Täufer enthält für mich den Auftrag, Gerechtigkeit einzufordern und mit denen zu teilen, die weniger haben, aber auch aus dem Glauben heraus gesellschaftliche Missstände und bestehendes Unrecht beim Namen zu nennen. Die Erinnerung an Johannes den Täufer lässt mich auch an Menschen denken, deren mahnende und warnende prophetische Stimme überhört wird, weil sie eben unbequem ist. Nicht nur Johannes wurde mundtot gemacht
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Sergej Rachmaninoff
Gesamttitel: RACHMANINOFF Werke für 2 Klaviere und Klavierduette
* Les larmes/Die Tränen - 3.Satz (00:06:22)
Titel: Suite Nr.1 op.5 Fantasie Bilder / Fantaisie Tableaux für 2 Klaviere
Solist/Solistin: Brigitte Engerer /Klavier
Solist/Solistin: Oleg Maisenberg /Klavier
Länge: 06:23 min
Label: HM HMC 90130102
