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Gedanken für den Tag
Ingeborg Bachmann am Meer
Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer, zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann
26. Juni 2026, 06:57
"Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land" - diese Verszeile von Ingeborg Bachmann geht mir nicht aus dem Ohr, seit ich sie zum ersten Mal gelesen habe. Sie stammt aus dem späten Gedicht "Böhmen liegt am Meer", das ihr selbst das Wichtigste war und von dem sie überzeugt war, sie werde immer dazu stehen. Dieses Gedicht verschränkt die große Vergeblichkeit mit der Beschwörung einer Utopie. Der Titel "Böhmen liegt am Meer" bezieht sich auf Shakespeares "Wintermärchen", das Böhmen ans Meer verlegt. Und so setzt auch Ingeborg Bachmann gegen die geografischen Fakten auf die Gegen-Wahrheit der Kunst.
Ihr gesamtes Werk ist durchzogen von der Utopie eines anderen Lebens. Anders, bekannte sie einmal, hätte sie gar nicht schreiben können. Die Verszeile "Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land" verdichtet das zu einer unvergesslichen Formel. Sie nimmt auch die positive Erfahrung der Grenze in Kindheit und Jugend der Autorin auf - in Kärnten war sie Slowenien wie auch Italien nahe und fühlte sich beiden Ländern tief verbunden. "Ich grenz noch an ein Wort" benennt aber auch ihre Suche nach einer neuen Sprache.
Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr
Der hohe, fast hymnische Ton des Gedichts "Böhmen liegt am Meer" lebt auch von den Gegensätzen, die es zusammenspannt. In den allerletzten Zeilen erscheint das Ich des Gedichts als
ein Böhme, ein Vagant, der nichts hat, den nichts hält,
begabt nur noch vom Meer, das strittig ist, Land meiner Wahl zu sehen.
Das Ich ist also ein Vagant, der nichts hat - und zugleich alles, zumindest das Wichtigste: die Begabung, ein Land zu sehen - und zwar nicht irgendeines, sondern "Land meiner Wahl". - Deswegen werde ich dieses Gedicht immer wieder lesen, weil es aller Vergeblichkeit eine Utopie entgegensetzt und dennoch nicht mit billiger Hoffnung vertröstet.
Service
Sendereihe
Gestaltung
Übersicht
Playlist
Komponist/Komponistin: Kyrre Kvam
Gesamttitel: ALTES GELD
Titel: Altes Geld - Chloroform
Ausführende: Kyrre Kvam
Länge: 03:40 min
Label: ORF-Enterprise Musikverlag
