Radiokolleg
Gesamterlebnis Flamenco (3)
Rosen, Rüschen, Realität
1. Juli 2026, 09:45
Bei Flamenco denken wohl die meisten an Kastagnetten, Rüschen und opulente Kostüme, obwohl Kastagnetten traditionell im Flamenco nur eine Nebenrolle spielen und moderne Aufführungen oft in schlichter Bühnenkleidung oder sogar Jeans stattfinden. Hinter diesem Klischee steht jedoch eine politische Agenda: Der Flamenco sollte als nationale Folklore vermarktet und als Tourismus-Export genutzt werden, wodurch aber Authentizität und Vielfalt häufig zurücktraten. Zugleich brachte die Popularisierung Chancen für Professionalisierung und Institutionalisierung mit sich. Traditionell mündlich überliefert, wurde Flamenco ab den 1950er Jahren akademisch aufgearbeitet, Institutionen für Tanz, Gesang und Gitarre etablierten sich. Carlos Sauras Film "Carmen" (1983) machte Flamenco weltweit sichtbar, befreite ihn vom folkloristischen Image und präsentierte ihn als moderne, lebendige Kunstform. Der Film löste eine weltweite "Flamenco-Welle" aus und stärkte zugleich das Selbstverständnis der Künstlerinnen und Künstler als kritische Kunstschaffende. Heute brechen Künstlerinnen und Künstler das Genre auf: Männer tanzen mit Bata de Cola, dem Schlepprock, Frauen übernehmen traditionell männliche Palos wie Farruca oder Martinete, Musiker und Musikerinnen experimentieren mit Fusion und erweitern das Repertoire. Flamenco lebt als modernes Tanztheater, genauso wie im intimen Tablao und ist zugleich kulturelles Erbe, Identitätsprodukt, und kreative Ausdrucksform.
Gestaltung: Martina Huber-Kendl
