Susi Rogenhofer und Marcel Fink

ORF/Elisabeth Scharang

Science Arena

Working Poor: Arm trotz Arbeit?

Arbeit gilt als Grundlage für finanzielle Unabhängigkeit, soziale Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe. Für immer mehr Menschen geht dieses Versprechen nicht mehr auf. Rund 361.000 Menschen in Österreich arbeiten oft Vollzeit oder in mehreren Beschäftigungsverhältnissen und leben trotz Arbeit an der Schwelle zur Armut.

Erwerbsarmut betrifft Paketzusteller ebenso wie freie Journalist:innen, Pflegekräfte, Essenslieferant:innen, Grafiker:innen oder Künstler:innen. Viele dieser Berufe sind von befristeten Beschäftigungen, Projektarbeit oder niedrigen Einkommen geprägt. Die wirtschaftliche Unsicherheit bleibt aber häufig unsichtbar.
Elisabeth Scharang spricht mit Marcel Fink, Sozialwissenschafter und Senior Researcher am Institut für Höhere Studien. Er forscht seit vielen Jahren zu Arbeitsmarkt, Sozialstaat, sozialer Ungleichheit und Erwerbsarmut. Seine zentrale These: "Erwerbsarmut ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck struktureller Veränderungen von Arbeitsmarkt und Sozialstaat. Erwerbsarbeit bleibt der wichtigste Schutz vor Armut, aber sie garantiert diesen Schutz nicht mehr."

Prekarisierung - Unsicherheit als Normalzustand

Erwerbsarmut entsteht dort, wo sich Veränderungen am Arbeitsmarkt, steigende Lebenshaltungskosten, Familien- und Wohnsituation sowie Lücken im Sozialstaat gegenseitig verstärken. Die deutsche Politikwissenschaftlerin Isabell Lorey beschreibt in ihrem Buch "Die Regierung der Prekären" eine Gesellschaft, in der Unsicherheit nicht mehr die Ausnahme ist. Ihre These lautet: Prekarität betrifft nicht nur einzelne Berufsgruppen, sondern wird zunehmend zu einem Strukturprinzip moderner Arbeitsgesellschaften.
Susi Rogenhofer ist Künstlerin, Kulturarbeiterin und Vorstandsmitglied der IG Kultur Wien. In ihren künstlerischen Arbeiten beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit den Lebens- und Arbeitsrealitäten von Menschen, deren Arbeit gesellschaftlich oft unsichtbar bleibt. Sie setzt sich mit Prekarisierung, Klassismus und den Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich auseinander und bringt im Gespräch mit Elisabeth Scharang auch ihre persönlichen Erfahrungen mit Erwerbsarmut ein. Sie erzählt, was es bedeutet, trotz Arbeit in finanzieller Unsicherheit zu leben, welche Auswirkungen Erwerbsarmut auf den Alltag, soziale Beziehungen und Zukunftsperspektiven hat und warum Scham häufig dazu führt, dass Armut unsichtbar bleibt.

Gestaltung: Elisabeth Scharang

Gäste:
Marcel Fink, Sozialwissenschafter und Senior Researcher am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien. Seit mehr als 25 Jahren forscht er zu Sozialstaat, Arbeitsmarkt, Armut und sozialer Ungleichheit. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Frage, wie sich veränderte Erwerbsbiografien auf soziale Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe auswirken.

Susi Rogenhofer, Künstlerin, Kulturarbeiterin und Vorstandsmitglied der IG Kultur Wien. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit den Lebens- und Arbeitsrealitäten von Menschen auseinander, deren Arbeit häufig unsichtbar bleibt. Prekarisierung kennt sie dabei nicht nur als gesellschaftliches Thema, sondern auch aus eigener Erfahrung.

Service

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Isabell Lorey, "Die Regierung der Prekären", Turia + Kant, Wien/Berlin, 2012 (Neuauflage 2020). Ein zentrales Werk der aktuellen Prekarisierungsforschung.

Laura Wiesböck und Roland Verwiebe (Hrsg.), "Mittelschicht unter Druck. Dynamiken in der österreichischen Gesellschaft", Czernin Verlag, Wien, 2021. Der Sammelband untersucht die zunehmende soziale Unsicherheit in Österreich. Im Mittelpunkt stehen Veränderungen der Arbeitswelt, Abstiegsängste, Prekarisierung und die Frage, wie sich die gesellschaftliche Mitte verändert.

Martin Schenk, Karin Heitzmann und Nikolaus Dimmel (Hrsg.), "Armut in der Krisengesellschaft", StudienVerlag, Innsbruck, 2024. Ein aktueller Überblick über Armut in Österreich im Kontext von Inflation, Wohnkosten, Arbeitsmarkt und Sozialstaat.

Nancy Fraser, "Cannibal Capitalism. How Our System Is Devouring Democracy, Care, and the Planet - and What We Can Do About It", Verso Books, London/New York, 2022. Fraser entwickelt eine grundlegende Kritik des gegenwärtigen Kapitalismus und verbindet Erwerbsarbeit mit Care-Arbeit, sozialer Reproduktion und Demokratie.

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