Punkt eins
Gerechtigkeit und Überreichtum
Gefährdet Macht durch Geld die Demokratie? Gäste: Univ.-Prof. Dr. Karin Heitzmann, Leiterin des Forschungsinstituts Economics of Inequality, Wirtschaftsuniversität Wien; Dr. Stephan Pühringer, Leiter des Socio-Ecological Transformation Labs am Institute for Transformative Change, Johannes Kepler Universität Linz. Moderation: Andreas Obrecht. Anrufe 0800 22 69 79 | punkteins(at)orf.at
24. Juli 2026, 13:00
Schon im Jahre 375 v. Chr. hat ein kluger Gelehrter über die Zusammenhänger und das Verhältnis zwischen Staat, Reichtum, Macht und Gerechtigkeit nachgedacht. Der Philosoph Platon, der in dem Werk Politeia seinen Lehrer Sokrates sprechen lässt, erkennt, dass übermäßiger Reichtum dem Staat, der immer auch auf Gerechtigkeit bedacht nehmen muss, widerspricht. Je höher der soziale oder politische Status - so seine Erkenntnis in dem theoretischen Entwurf des Philosophenstaates - desto weniger Rolle soll Privateigentum spielen. Reichtum korrumpiert, führt zu Machtmissbrauch und verträgt sich nicht mit dem Prinzip gesellschaftlicher Gerechtigkeit, also der Idee des Guten innerhalb des Staates. Für Platon ist übrigens die Demokratie, so wie sie damals in der Polis praktiziert wurde, die zweitschlechteste aller Staatsformen, weil in ihr alle - männlichen - Stimmen gleich viel zählen und jeder alles will, was direkt in die Tyrannei, in die barbarische Alleinherrschaft führt.
Wie ist es heutzutage um das Verhältnis zwischen großem Reichtum, Macht, Demokratie und Gerechtigkeit bestellt? Auch wenn die Aktien zwischenzeitlich wieder stark im Wert gefallen sind, wurde Elon Musk mit dem Börsengang von SpaceX erstmals Billionär. Der mit großem Abstand reichste Mensch der Welt hat sich nicht nur als Adlatus von Donald Trump verdingt, sondern hat sich auch auf Seiten der AfD in den deutschen Wahlkampf eingemischt. Analysten sehen darin eine bedenkliche, demokratiefeindliche Entwicklung.
In Österreich sind Superreiche politisch jedenfalls zurückhaltender, Macht durch Geld kann auch diskret ausgeübt werden. Der reichste in Österreich verortetete Haushalt verfügt über so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung, ist in einer aktuellen Studie zu lesen. Kein österreichisches Spezifikum: Laut Oxfam besitzen 1,5 % der Weltbevölkerung fast die Hälfte des gesamten globalen Vermögens.
In der österreichischen Studie werden rund 60 reichste Haushalte erfasst und deren institutionelle und personelle Netzwerke analysiert. Überreichtum wird dabei als gesellschaftliche, systemische Entwicklung gesehen, die von ökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen eher gefördert als eingeschränkt wird. Komplizierte, ineinander verschachtelte Firmenimperien spielen bei der Verwaltung und Mehrung des Überreichtums ebenso eine Rolle wie diverse Privatstiftungen. Fast die Hälfte der rund 3000 hierzulande registrierten Privatstiftungen kommen in den 60 untersuchten Superreichen-Netzwerken vor. Auch Investitionen in Immobilien sind wesentlicher Bestandteil der Vermögenskonzentration - häufig werden 5-10 Gesellschaften mit beschränkter Haftung für ein einzelnes Projekt gegründet, um das Risiko zu minimieren. Juristen, Treuhänder, Anwälte beiderlei Geschlechts treten oft als zentrale Akteure auf - in der aktuellen Studie finden sich mehrere Personen, die Positionen in mehr als 100 Unternehmen innehaben.
Was bedeutet Überreichtum für unsere Gesellschaft? Ist Überreichtum die Folge von mangelnder Transparenz und mangelnder politischer Gestaltung? Muss der Reichtum im Kapitalismus überhaupt begrenzt werden - und wenn ja, warum? Wie hängen Reichtum und Armut miteinander zusammen - stimmt es überhaupt noch, dass Armut auch die Folge von ausuferndem Reichtum ist? Sind unternehmerisches Risiko reduzierende Rechtsformen wie die GmbH nicht ursprünglich zur Förderung vom Kleinunternehmen erdacht worden? Kann es überhaupt einen gesellschaftlichen Konsens darüber geben, was Gerechtigkeit ist? Welches Ausmaß von sozialer und ökonomischer Ungleichheit ist in einer modernen Gesellschaft nötig, um deren Stabilität zu gewährleisten? In welcher Weise hängt die weitere Entwicklung von Demokratie und Wohlfahrtsstaat von dem gesellschaftlichen Umgang mit Reichtum ab? Was bedeutet Überreichtum in globaler Perspektive?
Zu Gast bei Andreas Obrecht sind Stephan Pühringer, Leiter der Studie "The oligarchic wealth elite in Austria: corporate networks and patterns of wealth accumulation", der an der Johannes Kepler Universität Linz forscht, und Karin Heitzmann von der Wirtschaftsuniversität Wien, die sich insbesondere mit Fragen der Armuts- und Sozialpolitik beschäftigt. Wie immer freut sich die Redaktion über Ihre Teilnahme an dem Gespräch unter 0800 22 69 79 während der Sendung oder unter punkteins(at)orf.at.
