Puppe Mimi von Martina Pippal

PRIVAT

Gedanken für den Tag

Aufmerksamkeitsverschiebung

von Martina Pippal, Kunsthistorikerin, Künstlerin und Autorin

Nach einem Ausflug ins Waldviertel: per Bahn zurück nach Wien.

Die Wagontüren gleiten auf. Ein Vater hebt einen Buggy herein, stellt ihn in Fahrtrichtung, setzt sich diesem gegenüber. Die Türen gleiten zu. Aus dem Kinderwagen fährt ein Ärmchen hoch. Der Vater greift in seinen Hosensack, zieht sein Handy heraus, wischt und reicht es seiner Tochter.

Auf dem Bildschirm sehe ich die Hand eines Erwachsenen, die Klötzchen übereinander türmt.

Wie das Mädchen gleich beim Anrollen des Zugs seinen Arm hochgestreckt und das Handy sofort ausgehändigt bekommen hat, spricht dafür, dass das nicht zum ersten Mal so ablief. Der Vorgang wirkt eingespielt.

Welche Alternativen gäbe es, ein Kind während einer Zugfahrt bei Laune zu halten?

Warum zaubert der Vater keine wirklichen Klötzchen aus seiner Hosentasche? Klötzchen zum Angreifen, die nach Buchenholz duften, mit dunklen Löchern, in die man farbige Holzstäbchen stecken kann. Selbst in der ruckelnden Bahn könnten Vater und Kind damit gemeinsam Türmchen bauen.

Und ich frage mich: Wie entwickelt ein Kind eine Beziehung zu seiner realen Umgebung? Wie lernt es, Verschiedenes auszuprobieren?

Ich muss daran denken, dass die Wahrnehmung der physischen Umgebung in unserer Kultur schon einmal fast verloren gegangen ist: Wenn Mönche im sog. Mittelalter Menschen oder Tiere darstellten, reduzierten sie diese auf plane Zeichen. Sie hatten längst aufgehört, die Natur selbst zu beobachten. Informationen suchten sie allein in alten Büchern. Und darin stand so manches Falsche. 1000 Jahre lang hieß es beispielsweise, der Elefant habe keine Kniegelenke; wenn er umfiele, könne er nicht wieder aufstehen. Zugegeben, einen lebenden Elefanten zu beobachten, war im mittelalterlichen Europa nicht leicht.

Die Neuzeit setzte jedenfalls damit ein, dass die Gelehrten und Künstler:innen wieder anfingen, ihre Umwelt wahrzunehmen.

Wahrzunehmen und zu genießen kann man lernen. etwa die Blaue Stunde, bevor es draußen dunkel wird, und wir in den Wagonscheiben nur noch uns selbst gespiegelt sehen.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Bearbeiter/Bearbeiterin: Lola Descours /Fagott
Komponist/Komponistin: Philip Glass
Album: Hommage à Nadia Boulanger
Titel: Love divided by. Für Flöte und Klavier - 4. Satz: ohne Bezeichnung. Bearbeitet für Fagott und Klavier
Solist/Solistin: Lola Descours /Fagott
Solist/Solistin: Paloma Kouider /Klavier
Länge: 01:10 min
Label: Indesens IC039 EAN: 0650414314769

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