Radiokolleg

Jazz (Not) Jazz (1)

Muriel Grossmann - Die spirituelle Sucherin

Seit rund 20 Jahren hat sich in Österreich eine, auch von Frauen maßgeblich mitgeprägte Jazzszene entwickelt, die die alten Grabenkämpfe hinter sich gelassen hat: Improvisation, Rock, Hip Hop, Elektronik, aber auch Neue Musik sind hier keine diametral entgegengesetzten Stile mehr wie noch in den neunziger Jahren, sondern Klangressourcen, die integrativ und gewinnbringend zu attraktiven und vor allem soundtechnisch ausgefeilten Klang-Hybriden verschmolzen werden.
Viele dieser Projekte sind im Umfeld der Jazzwerkstatt Wien entstanden, einer einzigartigen Musikerinnen-Initiative, die (unter erheblicher Selbstausbeutung) eine komplette Infrastruktur zur Verfügung stellt, um Karrieren zu fördern und persönliche Visionen der Künstlerinnen abseits gut ausgetretener Klischeepfade zu ermöglichen.
In dieser Woche sollen vier Protagonist*innen dieser Jazz (Not) Jazz-Bewegung vorgestellt werden.
Muriel Grossmann, Manu Mayr, Beate Wiesinger und Elfi Aichinger.

Die Saxophonistin und Komponistin Muriel Grossmann, geboren 1971 in Paris, aber in Wien aufgewachsen, arbeitete am Beginn ihrer musikalischen Laufbahn als Kellnerin im Jazzclub Porgy & Bess - möglicherweise nicht der schlechteste Ort, um eine Jazzkarriere zu starten. Richtig in Schwung kam die Sache allerdings erst, als die Musikerin sich dauerhaft auf der Balearen-Insel Ibiza niederließ und von dort aus ihre Netzwerke knüpfte. Nach wilden Anfängen im Free Jazz und in der freien Improvisation fand sie ihre künstlerische Bestimmung in jenem Spiritual Jazz, den John Coltrane und Pharoah Sanders in den späten 1960er Jahren etabliert hatten. Mit ihrem international besetzten und über die Jahre recht stabilen Quartett entwickelte sie eine individuelle Sicht auf diesen Stil: flächige Hammond-Orgel-Klänge, akkurat gezupfte Single Note-Linien der Gitarre und im Hintergrund häufig aus exotischen Instrumentalstimmen vorabgemischte Drones.
Seit Muriel Grossmanns Alben vom estnischen Label RR Gems in luxuriösen 180g-Vinyl Editionen herausgebracht werden, hat ihre Karriere das nächste Level erreicht. Das führende Jazz-Magazin DownBeat schrieb: "Ein Hörerlebnis, das man mit einer transzendentalen Erfahrung vergleichen kann."

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  • Thomas Mießgang