PICTUREDESK.COM/ACTION PRESS
Gedanken für den Tag
Minzpastille im Bus
von Martina Pippal, Kunsthistorikerin, Künstlerin und Autorin
6. August 2026, 06:57
Wenn ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, spiele ich ein Spiel. Ich gebe die Regeln selbst aus und versuche, mich daran zu halten. Eine Spielregel lautet: Lifte und Rolltreppen sind zu vermeiden. Ich nehme also meist die Stiegen und freue mich kindisch, wenn ich schneller bin als jene, die sich passiv von der Rolltreppe transportieren lassen.
Die andere Spielregel lautet: das Handy nicht aus der Tasche nehmen.
Wenn ich allerdings wissen will, ob es sinnvoll ist, auf den Bus zu warten, den ich für den letzten Abschnitt meines Heimwegs brauche, oder ob es zeitsparender ist, gleich zu Fuß zu gehen, schaue auch ich auf mein Handy.
An diesem Frühsommerabend zeigt die App: der Bus kommt in "0 Minuten". Heißt das jetzt, dass er erst kommt oder dass er schon abgefahren ist?
Eine diesbezügliche Entscheidungshilfe in der physischen Welt ist die Anzahl der an der Busstation Wartenden: Ist das Wartehäuschen leer, ist der Bus schon weg; warten viele Leute, kommt er erst.
Nach dem Aussteigen aus der Straßenbahn sehe ich an der Busstation zwei - vielleicht vierzehnjährige - Jungen stehen. Die Anzahl "Zwei" hilft mir bei der Entscheidung nicht. Aber ich kann sie fragen, ob Sie Bescheid wissen.
Ein dritter, etwa gleichaltriger Junge geht auf die Busstation zu. Plötzlich ist da große Wiedersehensfreude! Gejohle! Die zwei und der dritte fallen einander um den Hals, alle drei hüpfen in kollektiver Umarmung.
Um ihre Begeisterung ausklingen zu lassen, gehe ich langsam auf sie zu. Auf meine Frage erhalte ich aufs Höflichste und Herzlichste die Auskunft, der Bus käme erst. Und mir wird dazu noch eine Minzpastille angeboten, die ich gerne annehme.
Der Bus bringt uns vier den Berg hinauf, der noch ein Stück über dem Horizont stehenden Sonne entgegen.
Nach dem Aussteigen wende ich mich um; ich hätte den dreien gern nochmals dankend zugewinkt. Aber durch die Fenster sehe ich: Sie sind miteinander beschäftigt. Und das ist auch gut so.
Service
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Philip Glass geb.1937
Komponist/Komponistin: Foday Musa Suso geb.1950
Titel: THE SCREENS (Les Paravents) - Bühnenmusik zum gleichnamigen Schauspiel von Jean Genet
* 14. Prison Song / instr. (00:01:15) - tw. 2x gespielt
Solist/Solistin: Benjamin Hudson
Solist/Solistin: Jerry Grossman
Solist/Solistin: Michael Parloff
Solist/Solistin: Martin Goldray
Solist/Solistin: Allen Blustine
Solist/Solistin: Rex Benincasa
Solist/Solistin: Foday Musa Suso
Leitung: Martin Goldray
Länge: 01:15 min
Label: POINT music 4329662
