PICTUREDESK.COM/SZ-PHOTO/FLORIAN PELJAK
Gedanken für den Tag
Gemeinschaft im Klang - vom Ich zum Wir
Gedanken über den Chor und das Leben von Roland Streiner, Komponist, Dirigent und Rektor der Gustav Mahler Privatuniversität für Musik
18. August 2026, 06:57
Wer im Chor singt, kennt diese innere Spannung: Ich möchte mit meiner Stimme präsent sein und doch soll der Gesamtklang tragen. In jeder Probe gibt es Momente, in denen sich der Einzelne fragt: Darf ich hier mehr geben oder muss ich mich eher zurücknehmen? Chorisches Singen ist ein dauerndes Austarieren zwischen Profil und Rücksichtnahme, zwischen Mut zur eigenen Stimme und Sensibilität für das Ganze - eine Schule der Feinabstimmung und der Geduld miteinander.
Dieses Spannungsfeld findet sich in vielen Lebensbereichen wieder: in Sitzungen, Familienrunden, WhatsApp-Gruppen. Manche reden ständig, andere ziehen sich - vielleicht aus Frust - zurück. Ein Chor zeigt im Kleinen, wie es anders gehen kann: Dort wird geübt, die eigene Stimme bewusst einzusetzen und zugleich den Klang der anderen wahrzunehmen. Niemand muss alles können, aber alle bringen das ein, was sie beitragen können. Erst dieses sensible Zusammenspiel macht den Klang lebendig, reizvoll und doch harmonisch. Und wer einmal erlebt hat, wie aus einem unsicheren Anfang allmählich ein solcher Klang wird, ahnt, wie kostbar dieses "Wir" ist.
Die Bibel beschreibt an einigen Stellen, so z.B. im Philipperbrief, Kap. 2 eine solche Haltung, wenn sie von einer Gemeinschaft spricht, in der alle mit ihren Gaben dienen und doch niemand sich über die anderen erhebt. Der Chorgesang lehrt eine Lebenshaltung, die auch unserer Gesellschaft guttun würde: Ich nehme meine Stimme ernst und gleichzeitig das "Wir", zu dem ich gehöre. Wenn das gelingt, entsteht ein Zusammenklang, in dem sich Menschen gesehen, gehört, mitgetragen und letztlich auch ermutigt wissen.
Service
Sendereihe
Gestaltung
Playlist
Komponist/Komponistin: Günther Mittergradnegger/Gerhard Glawischnig/Roland Streiner arr.
Titel: Is schon still uman See
Ausführende: StudioVokal Kärnten
Länge: 01:10 min
Label: StudioVokal Kärnten/Kärntner Landeskonservatorium
